Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Zustand geben die erhaltenen Teile wert-
volle Fingerzeige für die zeitliche Bestim-
ninng. Die Passionsszenen entwickeln sich
ausschließlich in die Breite; die handelnden
Personen stehen alle nebeneinander; sie
bewegen sich auf schnialen Bodenstreisen;
der Hintergrund ist in Farbzonen ein-
geteilt, und dainit rein dekorativ, nicht
naturalistisch behandelt. Für Tiefen-
dimensionen ist kein Verständnis mehr
vorhanden. Das als künstlerisches Erbe
der Antike geltende Raumgefühl imb Ver-
ständnis für Tiefenentwicklung ist ganz
verloren. Die Burgfelder Wandbilder

einander, ja gehet! förmlich ineinander
über; die Balinger Decke war nicht in
kleine Quadrate geteilt, sondern in lange
schmale Felder, die sich zwischen den Quer-
balken des Hochschiffs bildeten und von
einer Schiffswatld zur anderen reichten.
Diese Einteilung brachte es mit sich, daß
die Szenen viel freier und bewegter sind,
als sie es, eingezwängt in einen kleinen,
umschlossenen Raum wie in Zillis, sein
können. In der Balinger Decke ist jede
Szene und jede Person bewegt, voll pul-
sierenden, frischen Lebens, ja bei der Ge-
fangennahme sogar recht stürmisch bewegt.

Detail aus der Baliuger Holzdecke.

haben noch niehr Raumtiefe; die dar-
gestellten Personen treten noch, freilich
mit wellig Verständnis, in den Raum
zurück, während hier alle Figuren auf
einer schnialen Horizontale sich beivegen.
Ein kleiner Schritt über die Bnrgfelder
Entwicklungsstufe nach der Seite der
flächigen Behandlung ist nicht zu ver-
kennen. Währeitd die erhalteite Holzdecke
in Zillis (oberhalb der Via mala im
Kanton Graubünden, aus der Mitte des
12. Jahrhunderts) die Einzelszenen in
Quadrate einschließt und mit bunten
Bordüren einfaßt, stehen die biblischen
Szenen in Balingen unvernlittelt neben-

Wie nlächtig ist die Bewegung des bla-
senden Engels, wie überraschend natur-
wahr ist das Knieen und Fußwaschen bei
Christus gegeben, wie stürmen Judas und
die zwei Soldaten gegen den in majestä-
tischer Ruhe dastehenden Christus heran!
Die Parallele dazu findet sich in Burg-
felden. Auch hier geht dieses kraftvolle,
bewegte Leben durch alle Szenen hin-
durch. Von der Ruhe uitb abgeklärten
Komposition der altchristlich-antiken Krulst,
die doch zum guten Teil beit Eindruck der
älteren Reichenaner Bilder bestimmt *), ist

*) Weber, Die Wandgemälde von Burgfelden,
Darmstadt (1896), 56,
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