Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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der Buchstaben nach ins 11. Jahrhundert
zurückgehen. Der Turm mit seinen ge-
kuppelten Doppelfenstern auf allett vier
Seiten fügt sich ebenfalls in diese Zeit
ein; nur fein oberstes Stockwerk ans Fach-
werk ist späterer Anbau. Die geschwellte
primitive Rundfäule hat noch kein Wür-
felkapitäl, wie der Turm von Burgfelden,
der in die zweite Hälfte des 11. Jahr-
hunderts versetzt unrb1).

Als man in der zweiten Hälfte be§.
14. Jahrhunderts wegen Engräumigkeit
oder Baufälligkeit die frührontanische Ktrche
abbrach und den jetzigen gotischen Bau
erstellte, wurde die flache, bentalie Decke
entfernt; sie hatte 300 Jahre ihre Dienste
geleistet und mußte nun einem breitge-
sprengten Holztonnengewölbe Platz ma-
chen, deren Sparen heute noch an den
Jnnengiebelit erhalten find. Bei dieser
Gelegenheit wurden Stücke der alten Decke
zum Einbau des Turmes verwendet, wo
sie durch ein glückliches Geschick bis in
unsere Tage sich herübergerettet haben.

Die hochinteressanten Reste der bemal-
ten Balinger Decke werden der Staats-
sammlung vaterländischer Altertümer ein-
verleibt werden, als einziger Rest einer
frühromanischen Holzdecke aus schwäbi-
schen! Boden, als bescheidene Zeugen der
frühesten Entwicklungsperiode der natio-
nal-deutschen Kunst.

Bon den alten romanischen Holzdecken
hat sich bis in unsere Zeit fast riichts
mehr erhalten. Die meisten sind späteren
Umbauten und Brandfällen zum Opfer
gefallen. Bon der frühesten Decke des
Konstanzer Münsters hat sich ein kleines
Bruchstück erhalten; Kraust) gibt eine
farbige Rekonstruktion der ursprünglichen
Decke und weist das erhaltene Stück in
die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts.
In Rietz fand mau int Jahre 1896 in
einen! Privathans Reste einer spätroma-
nischen Holzdecke3). Die verhältnismäßig
gut erhalteue Decke vou Zillis nnb die
großartige Decke von Hildesheinr gehören
detu 12. Jahrhundert an, erstere der

*) Abb. in Kunst- u. Altertumsdenkm. von
Württemberg, Textband, Schwarzwaldkreis, 19 f.

2) Kunstdenkmäler des Großherzogtums Ba-
den, I, 139 und Tfl. II.

a) Zeitschr. f. chr. Kunst, 10 (1897), 97.

Mitte, letztere detu Ende. In den litera-
rischen Quellen hat sich noch manche Nach-
richt von prachtvoll bemalten Holzdecken
erhalten. So schildert Natpert die Far-
benpracht der Decke der karolingischen
Franenmünsterkirche in Zürich *). Pur-
chard, Mönch von Reichenau, berichtet in
seinem Gedichte über die Wirksamkeit des
baulustigen Abtes Witigowo (985—997),
daß in dieser Zeit die kassettierle Felder-
decke des von Witigowo vollendeten Kreuz-
ganges des Klosters Reichenau-Mittelzell
von den Malern des Klosters Reichenau
mit Bildern ausgeziert worden sei2).
Gebhard II., Bischof von Konstanz (979
bis 995), ließ die reich kassettierte und ge-
schmückte flache Felderdecke der Basilika
von Petershansen mit goldeneit Knöpfen
und Stäben zieren, daß sie gleichsanr den
gestirnten Himmel darstellte3). Bischof
Ulrich II. von Konstanz schenkte 1129 dem
Abt Konrad von Petershauseu zwei be-
malte Kapellendecken, von denen die eine
die Geschichte des hl. Johannes des Täu-
fers anfwies^). Die St. Ulrichskirche in
Augsburg trug nach alten Beschreibungen
an der flachen Decke der Ktrche ein Ge-
tnälde, welches Christus, auf einem Re-
genbogen thronend, von Heiligen um-
geben, darstellteö). Aehuliche Nachrichten
sind überliefert über die Decken von
St. Enuneran! in Regensburg und int
Dont von Freising. (Schluß folgt.)

Die Kanzeln Toskanas aus dem
\2. und (5. Jahrhundert.

Kunstgeschichtliche Studie von I. Beßler.

(Schluß.)

3. Relief: Darstellung int Tentpel
und Flucht nach Aegypten. Eine eigen-
artige Zusannneustellnug. Wir hätten die
Flucht nach Aegypten eher auf dem zwei-
ten Relief erwartet. Der Tempel ist durch

') Mitt. der aut. Ges. in Zürich, VIII, Beil. 11.

2) Monum. germ. 8. S. IV, 629. Furch.
Carm. Nr. 355—359. Weber, 1. c. 55.

3) Cas. Petersh. I 17, in iUon. germ., 8.
8. II, 633; bei Kraus, Gesch. d. chr. Kunst
II, 1., 54; Freib. Diöz.-Arch. II, 352.

4) Cas. Petersh. IV, 29, 32; in Freib. Diöz.-
Arch. II, 378.

6) Sighart, Gesch. d. bild, K. in Bayern, 202.
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