Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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schlanker und feiner gebildet. Nirgends
übermiegt mehr die Freude an der Er-
scheinung des stattlichen Leibes, sondern
überall nur Bewegung und Anteil bis zu
pathetischer Gestikulation — als dringe
der Wehlant ans ihrer Kehle und stelle
das Wort sich vernehuttich ein. Der
Körper ist diesem Bildhauer nicht mehr,
als das ausdrucksfähige Gefäß der Seele,
die gewaltsam hervorbricht und ungeduldig
an dem Gefängnis rüttelt, das ihr volles
Ansklingen noch einschränkt. — Damit
eröffnet sich der Künstler die Darstellungs-
sähigkeit der ganzen Tragik christlicher
Stoffe, erschließt er die ganze hinreißende
Poesie seelischer Schönheit, und beginnt in
genialischenr Gebaren mit seinen Mar-
morgebilden zu dichten, so reich und innig
wie kaum ein Zweiter in seinenr Lande."
Darum hat Giovanni auch großen Ein-
fluß auf seine Zeit ansgeübt. Ans feinem
Geist heraus und unter seinem Einfluß
stehend hat der große Giotto gearbeitet.
Giovanni Pisano verdankt Giotto mehr,
als seinem unmittelbareil Lehrer Eimabne.
Die Meister, welche die italienische Gotik
auf ihre Höhe führen unb zugleich ab-
schließen, sind alle mehr oder welliger
beeinflußt voll Giovalini Pisano, der auf
diese Weise eine der einflußreichsten Künst-
lergestalten des 13. und 14. Jahrhunderts
iil Italien geivorden ist.

Die Grabdenkmäler der Herren
von Spetb aus drei Jahrhunderten
in der Pfarrkirche zu Zwiefaltendorf.

Von t>t. R. A.

(Schluß.)

Zu auffallend wäre es, wenil in un-
serem, oer Hauptsache irach offenkundig
an trinitarische Darstellungen angelehnten
Relief die dritte göttliche Person fehlen
sollte. Nach der Photographie könnte
»ran Spuren der im Verhältnis zum
Ganzeil iiatürlich nur unscheinbar abge-
bildeteii Taube all der rechteii Schulter
von Gott Vater konstatieren; iiu Vergleich
zu den flatternden Haaren links ist auf
der ailderen Seite ein viel stärkerer Haar-
wnlst zu sehen. Indes, am Originalstein
ist kaum etwas von Verderbnis zu sehen.
Sollte es iücht Absicht, sonderil Ver-
geßlichkeit sein, die auf Darstellung

der vermißten Taube verzichtete, so
hätten wir, wie au nicht wenigeil ähn-
lichen Reliefs in Schwaben, die sog.
Gnadenstuhldarstellung in sehr lebensvoller
Ausprägung auf dem engeil Raum eines
Epitaphs des Freiherrn Wilhelm Dietrich
von Speth-Zwiefaltendorf.

Wie beliebt dieses Trinitätsbild in
jener Zeit gewesen ist, beweist neben
vielen anderen, all aiiderem Ort zu be-
handelildeil Gnadenstuhldarstellungen ein
Relief aus zeitlicher und örtlicher Nähe.
An der Westwand des Schlosses Ober-
herrlingen, deffeil Bau 1588 von
Dietrich von Bernhausen begonneil wurde,
ist eilt Relief eingelassen, das sich auf die
Grülldiliig des erst viel später vollendeten
Schlosses bezieht; es stellt die heilige Drei-
faltigkeit in ganz beufelbeu Formen dar:
Gott Vater mit Krone und Mantel hält
beit Gekreuzigten in den Arinen, auf beit
im Relief angedeuteten Wolken schwebend,
über bem Querbalken in der Mitte sitzt
die Taube. Je ein Engel hält zu beiden
Seiteil Passionswerkzeuge. Darunter knien
der Bauherr „sampt seiner liebin Hans-
fraweil Helena von Bernhausen, ein ge-
botne von Riethain.. . . Gott der All-
inechtig ivölle Ihnen und all Ihren Nach-
komnden sein göttliche fegen, gnad und
barmhertzigkeit mittheilen und nach disem
zergencklichen leben das Ewig geben.
Amen." Nach der Inschrift hat Dietrich
von Bernhausen 24. April 1588 den
Neubau angesangen „in beut Namen der
Heiligen und unzerthailten Drivaltigkeit" 1).

Ans Abhängigkeit des Zwiefaltendorfer
Reliefs von dem Herrlinger oder gar auf
denselben Ursprung zu schließen, dürfte bei
der Verwandtschaft beider Reliefdarftel-
lnngen nach Idee und Form bei der ge-
ringen zeitlichen und örtlichen Entfernung
nicht zu gewagt erscheinen. Ein Mono-
granim oder Sleinnretzzeichen fehlt bei
beiden Werken, was wohl ein Hans oder
Michael Schaller, oder Peter Schmid, ver-
ewigt ail Reliefs in Nellingen, Muschen-
wang, Merklingen, Temmenhausen (1581
bis 1594) nicht beiseite gelassen hätten.
Wie ein bis jetzt gänzlich unbeachtetes
Zeichen an einem anderen Zwiefalten-

') Abbildung in Kunst- und Altertumsdenkin.
im Königreich Aöürtteinberg, Donaukreis. Ober-
amt Blaubeuren. 1911. S. 84.
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