Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Nachforschungen, die für den jetzigen
Denkmälerbestand wenig erfreulich klin-
gen, fei ein erfreulicheres Resultat über ein
einzelnes Epitaph der Neufraer Samm-
lung mitgeteilt. Es betrifft das in der
Südwand der Chorkapelle eingelassene
Grabmal aus rotem Marmor, das bem
Andenken eines Ehepaars, des letzten
Gnndelfingers Schweickhardt
und seiner Gemahlin Elisabeth, geb. Gräfin
von Montsort, gewidmet ist. Es ist fast
3 m (2,90) hoch und über 1 m (1,15)
breit. Eine Vogennische umschließt das
Relief, dessen Darstellung fast wie eine
Kopie an ähnliche Werke der Renaissance
erinnert: Krönung Mariä, zu oberst die
Taube des Hl. Geistes, schwebend über
der Gruppe, Gott Vater und Gott Sohn
zu beiden Seiten der Mutter Gottes in
gleicher Haltung und fast gleicher Körper--
form. Acht Engelköpfchen beleben die
Wolken, über denen die Gruppe thront,
in den Zwickeln zu beiden Seiten des
oberen Halbkreises der Nische sind Wappen
(heraldisch rechts: Jungfrau, links: Löwe)
eingehauen. Darunter ist der Sarg, aus
dessen geöffneter Deckelspalte ein Toten-
gerippe mit offener, von Schlangen und
Kröten bewohnter Bauchhöhle sich heraus-
reckt *). Auf der Vorderseite des Grabes
oder Sarges sind zwei Wappen zu sehen,
das der Gundelfinger und Montfort, auf
dem Deckel ein langes Kreuz. In den Sockel
darunter ist eine weiße Platte, die vom
roten Marmor auffallend absticht, einge-
lassen, welche die Grabinschrift trägt. Die
Handschrift der^ntiguitateL Neu-
Iren 8 63, wo sich eine treffliche Abbildung
unseres Epitaphs Fol. 55 findet, stimmt
nicht mit dem Originalstein noch mit der
Ahnentafel:

„Anno D(omi)ni 1546 den 26. Decembris
starb der wolgeborne Herr Herr Schweickart von
Gundelsingen Freyher.

A. D. 1560 im 30. tag Maij starb die wol-
geborfnej Fraw Fraw Elisabeth geborne Grävin
von Monthfort wolgemelteß vo(n) Gundelsingesns
Gliche Gemahl, dere(n) vnd aller seele(n) Gott
der Allmechlig gnedig sey."

Nun das Wichtigste, was'kein Angen-

1) Auf dem Totenkopf liegt eine Eidechse.
Aehnliche Totengerippe statt der sonst üblichen
Abbildung der lebenden Personen stnden sich z. B.
auf dem Grabstein eines Wöllwarth in der Kloster-
kirche zu Lorch aus dem Jahre 1505 und auf dem
Grabmal des Abtes Fabri in Blaubeuren von 1495.

schein je am Grabmal selbst entdecken
konnte, das sich dem Beschauer des Nenf-
raer Codex Fürstenbergensis darbietet.
Zwischen den zwei Hälften des Reliefs,
der oberen figurenreichen und der unteren
nrehr slächenhaften Darstellung, ist etwa
in der Mitte am Rand je eine Tafel mit
Inschrift darauf eingehanen, schräg über
Eck gestellt. Kodex und Stein lesen:

„Tn seyest Edl su.s schen starckh oder Reich,
so smusts wirst du mein (werden) gleich",
und ans der anderen Tafel:

„daß sdess bedenckh im anfang, mittel und enb[t],
von Gott dich nimer wend."

Zwischen diesen beiden Jnschrifttäfelchen
nun bringt die Handschrift auf bem mitt-
leren Feld ganz klein eingezeichnet die Mei-
sterinschrift: Ca3per Lesche(n)-
brand fecit. Eine Spur von dieser
überaus wichtigen Beischrift ist auf dem
Originalstein nicht nlehr zu finden; nur
auf dem linken Jnschrifttäfelchen sind
unten einige kleilie Schristzeichen kaum
leise zu sehen oder zu betasten.

Wer ist dieser Kaspar Löschen-
brand? Die Mehrzahl der größeren
und besseren Werke der Plastik in
Oberschwaben sind Ulmischer Herkunft.
Ich erinnere nur an die zahlreichen Grab-
denkmäler, die Hans und Michael Schaller,
Peter Schmid u. a. aus Ulm in der zwei-
ten Hälfte des 16. Jahrhunderts landauf,
landab geschaffen haben, z. B. auch im
nahen ZwiefaltendorfI, Mengen u. a.
Einen bestimmteren Fingerzeig donauab-
wärts gibt die Erinnerung an die Ulmer
Reformationsgeschichte, iu welcher Ver-
letzte katholische Münsterpfarrer Dr. Se-
bastian Löschenbrand (f 29. Juli 1525)
eine nicht ganz rühmliche Rolle spielt.
Ich habe aus dem Briefwechsel zwischen
bem Ulmer Daniel Manch und dem
Stadtarzt Dr. Wolfgang Rychard, einem
Hanptvorkämpfer des neuen Evange-
liums, einige nngedrnckte Beiträge zur
Geschichte dieses Mannes geliefert* 2). Viel-
leicht stammt der Künstler von dem Bru-
der dieses letzterr „Päbstischen Pfarrers"

') Vgl. Archiv f. christl. Kunst, 1912, S. 69 ff.

2) Aus dem Leben eines schwäbischen fah-
renden Scholaren im Zeitalter des Humanismus
und der Reformation, Rom 1911 (S. A. Rom.
Quart.), S. 19, 20, 26, 58; vgl. auch Ulmer
OA.-Beschreibung, II, 328. Sein Grabmal steht
heule noch im Münster.
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