Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Ueberlebensgröße *) (2,65 m). Auf ein-
fachem Postament, an einen Pfeiler der
Sttdkapelle des Chors angelehnt, erhebt
sich auf einem liegenden Löwen schreckhaft
der Ritter in ganzer Ausrüstung: die
mächtige Sturmhaube auf denk Haupt,
den Streithammer in der Linken, die
Rechte an der Hüfte, beim Schwertgurt,
daran die spätgotisch stilisierte Schleife
mit dem Gundelfingischen Wappenschild,
ein gewaltiges Schwert an der linken
Seite.

Teilweise wie eine Porträtkopie unseres ein-
zigartigen Holzstandbilds nimmt sich das Stein-
epitaph des Neinhart von Neuneck ans. das
schönste der Grabmäler in der Pfarrkirche zu
Glatt in Hohenzollern. 2,05 m hoch, 1,05 m
breit, aus grauem Sanvstein gehauen, zeigt die
rechteckige Grabplatte in der Mitte in über halb
erhabener Arbeit „das lebensgroße, äußerst wirk-
same Bild des berühmtesten Glieds der Familie,
eine martialische Rittergestalt in voller Kriegs-
rüstung", heißt es in dem von Zingeler und
Laur herausgegebenen Verzeichnis der „Bau- und
Kunstdenkmälec in den hohenzollernschen Landen."
Die Umschrift lautet: „Hie bit begraben der
edel und gestreng her reinhart von nevneck zv
glat ritter havptman vnd Pfleger zv lavging
dem Got gnad starb 1551 den 23 May Samstag
nach Pfingsten." Die rechte Hand trägt eine Lan-
zenfahne, deren Schaft in der Mitte gebrochen
ist, das Symbol des Todes ihres Trägers, die
linke umfaßt das Schwert (auch eingelassen wie
beim Steinstandbild Schweikharts von Gundel-
singen). Rechts hängt der Dolch, an der Schul-
ter das Ritterbundzeichen; Rüstung ist ähnlich:
breite Schuhe, Panzer, Schulterärmel, Helmbusch
mit Straußenfedern, Wappen zwischen den Füßen.
Nur der lange Schnauzbart und kleineres Helm-
visier ist ein unterschiedliches Zeichen.

Beträchtlich geringer als beim Glatter Grab-
mal ist die Verwandtschaft, die unser Neufraer
Holz- und Steinstandbild mit einem andern
Steinepitaph auf schwäbischem Boden aufweist,
nach dem Standmotiv wenigstens. Im nördlichen
Querschisf der an Kunstwerken reichen Pfarrkirche
von Oberstadion ist an den Pfeiler ein
Wandgrabmal angelehnt, von zwei Löwen ge-
tragen. Es ist der Grabstein des Hans von
Stadion, der 1458 starb und dem nach der In-
schrift von „sorg surlin zu ulm 1489" dieses Grab-
mal gefertigt wurde. Der barhäuptige Ritter
in voller Rüstung (Ellenbogen und Schulter) legt
die Linke an das Schwert und hält in der Rech-
ten den Turnierkolben. Unter dem Haupt hat er
trotz des Standmotivs „in üblicher Inkonsequenz",
wie bei Liegefiguren, das Kissen. Wappen, Helm-
zier und Pflanzenornamente sind zu beiden Seiten
der Rittergestalt, zu Füßen seiner Frauen (von
Stein und von Kaltental) angebracht. Indes
reicht das grob gearbeitete, jeden seelischen Aus-
drucks entbehrende Angesicht weit nicht an die Arbeit

i) Bei Keppler, S. 288, heißt es: „Anfang des
16. Jahrhunderts, in Lebensgröße."

des Neufraer Ritterbilds heran*), das ein kunst-
geschichtliches Unikum nach Material und Bear-
beitung, eine seltene Verbindung von Gotik und
Renaissance, von Ruhe und Bewegung, mar-
tialischer Rauheit und gemütstiefer Weichheit,
von ritterlicher Lebensfreude und ernstem Men-
schenweh in wundervoller individueller Charak-
teristik darstellt, ebenbürtig den Meisterwerken
eines Jörg Syrlin und Peter Bischer.

In seiner gallzen Größe und Monn-
mentalität tritt uns endlich aus den Hand-
zeichuungeu berAntiquitates Neufrenses,
dem Doppelblatl Fol. 66, als letzte Grab-
lualkopie das jüngste der Neufraer Epi-
taphien entgegen: das Grabmal des
Georg von Helfen st ein in Erz, das
seinesgleichen wenig in deutschen Landen,
jedenfalls nicht in Schwaben, hat.
All die reichen Einzelheiten sind in der
Zeichnung des 17. Jahrhunderts wieder-
gegeben, die wir am Original bewundern,
nur daß auffallenderweife die Platten
weiß geblieben sind: die dem Kopisten für
den engen Raum wohl zu großen In-
schriften fehlen. Wir verschmähen nicht
den kleinen archäologischen Gewinn, da Ur-
kunden über das große Hauptproblem uns
versagt sind: schon an dieser alten Zeich-
llung fehlen die untersten Wappeil am
(her.) linken Pilaster. Dieser Befund ver-
mag wenigstens die Gegenwart oder jün-
gere Vergangenheit von dem Verdacht der
Barbarei mit erfreulicher Sicherheit zu
entlasten.

Ungelöst lassen, wenigstens nach den
mir ermöglichten Nachforschungen, Archiv
ilnd Bibliothek zu Donaueschingen das
Rätsel der Herkunft des herrlichen Monu-
ments. Mögen anderen andere Filnde
beschieden sein! Doch dürfte mir die
Lösung zugleich mit weiteren Urknnden-
fnnden über ein zweites Meisterwerk des-
selben Ursprungs auf anderem Weg sicher
gelungen fein. (Schluß folgt.)

Die frühromanische cholzdecke von
Balingen.

Von Pfarrer Pfeffer, Lantlingen.
(Schluß.)

Bisher war man gewohnt, aus der
Niederzeller Apsidenbemalnng auch den
Burgfelder Zyklus der Reichenauer klöster-

') Abbildung. Inventar Donaukreis, OA.
Ehingen, 1912, S. 176.
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