Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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lichen Kunstschule zuzuweisen. Da die
Balinger Deckenbilder außerordentlich nahe
mit Burgfelden und Niederzell verwandt
sind, darf die Vermutung ausgesprochen
werden, daß auch die Balinger Bilder
von Reichenauer Künstlern herrühren und
mit den Reichenauer Fresken in den Jn-
selkirchen, in Goldbach bei Ueberlingen
und Burgfelden und mit der Reichenauer
Buchmalerei in eine zusammengehörige
Gruppe einzufügen sind, und zwar als
letztes äußerstes Glied der Eutwicklungs-
reihe. Wohl brach über das Juselkloster
um das Jahr 1150 eine Zeit traurigsten
Verfalls und unglücklicher Vermögensver-
hältnisse herein, die in den Kämpfen mit
dem kaiserlich gesinnten Kloster St. Gal-
len in den 70er und 80er Jahren des
Jahrhunderts den Höhepunkt erreichte.
Daß auch nach Beginn dieser schlimmen
Zeiten noch Reichenauer Künstler nach
auswärts gingen, um dort Malereien in
Kirchen auszusühreu, ist immerhin mög-
lich; denn es ist nicht wahrscheinlich, daß
mit dem Beginn des klösterlichen Verfalls
die künstlerischen Kräfte sogleich versagt
hätten; es ist vielmehr nicht unwahrschein-
lich, daß beim Aushören jeder baulichen
Tätigkeit im Klostergebiet infolge der
Streitigkeiten die Künstler auswärts sich
zu betätigen suchten.

Mit Burgfelden und den um die
Schalksburg gelegenen Ortschaften gehörte
Balingen zunl Scherragau und war dessen
Hauptort. Wahrscheinlich von der Mitte
des 11. Jahrhunderts an sind die Zol-
lern im erblichen Besitz des Scherra-
gaues. Sie hatten engste Beziehungen
zunl Jnselkloster Reichenau, sie hatten
dort in der Frühzeit ihre Grablege; im
Anfang des 12. Jahrhunderts wird ein
Angehöriger des zollerischeu Hauses,
Graf Ulrich, Abt der Reichenau. Das
Kloster Reichenau hatte Besitzungen in der
Baliuger Gegend. Eine viel frequentierte
Straße führte über Balingen an der
Reichenau vorbei nach Konstanz und denr
Süden. Ein anderes Kunstzentrum gab
es damals in der Gegend nirgends als
in Reichenau. Die künstlerische Tätigkeit
in Hirsau setzt erst im letzten Viertel des
Jahrhunderts kraftvoll ein, in Zwiefalten
erst im 12. Jahrhundert. Zudem ist die
Tätigkeit dieser beiden Klöster auf dem

Gebiete der Malerei in der Frühzeit noch
nicht genügend erforscht. Es spricht ein
großer Grad von Wahrscheinlichkeit für
die Entstehung der Balinger Deckenbilder
durch Reichenauer Künstler.

Für unsere Kenntnis der frühmittel,
alterlichen Kunst sind unsere Fragmente
von größten: Werte, wenn in Betracht
gezogen wird, daß von den Denkmalen
dieser frühen Zeit sich nur wenig erhalten
hat. Sie sind als Ueberreste einer der
frühesten bemalten Holzdecken diesseits der
Alpen Unika. Kunstgeschichtlich sind sie
ein wertvolles Denkmal jener Uebergangs-
zeit zur national-germanischen Frühkunst,
schon näher bei dieser als bei der retro-
spektiven karolingisch -ottonischen Kunst
stehend. Sie vervollkommnen auch das
Bild der Kunsteutwicklung in der schwä-
bischen Heimat; überaus farbenprächtig
muffen schon in frühester Zeit die Kirchen
gewesen sein. Auch unsere Kenntnis der
Kirchenausstattuug mit Bildern im frühe-
sten Mittelalter wird erweitert: sie sind
eine treffliche Illustration zun: Wort Wa-
lahfried Strabos vom Evangelium ad
picturam ff.

Roch sei bemerkt, daß bei der Instand-
setzung der Kirche weitere Bilder an der
Wand aus späterer Zeit zunl Vorschein
kamen. Auf der Evangelienseite des früh-
gotifcheu Chores ein riesiger Christoforus,
ganz en face, in weißen: Unterkleid,
rotem Mantel, der auf der Brust mit
einer Wappeuagraffe zusammengehalten
wird, worauf das Zollerische Wappen sich
befindet; das Untergewand ist mit einen:
Ledergürtel zusammengehalten; daran
hängt eine Tasche. In der Rechten hält
er den riesigen Baumstannu, mit der
Linken auf der Schulter das Christkind.
Das Bild ist eine treffliche frühgotische
Arbeit, zirka 1300 entstanden, durch Re-
staurator Weuuagel in: Herbst 1912

restauriert. In: Chor fanden sich noch
Bruchstücke einer Wandbeiualuug: es wa-
ren ursprünglich unter den Fenstern recht-
eckige Felder, wohl Szenen aus den: Le-
ben des hl. Sebastian, des Kircheupatrous.
Erkenntlich war die Szene, wie die Bo-
genschützen auf Sebastian, an einen Baum

0 Dümmler, Poetae medii aevi carolini
| II, 480; bei Haseloff 104.
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