Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Bücher und die Wände der Gotteshäuser mit den
Gestalten der Gleichnisreden Jesu.

Auch unfern frommen Altvordern in der deut-
schen Heimat entging ihr Reiz nicht, das beweist
die Rolle, die sie in den ältesten uns erhaltenen
Wandmalereien, auf der Reichenau, zu Burgfelden,
zu Goldbach usw. bereits spielen. Das bestätigt
ihre glänzende Uebersetzung in die Plastik an der
Straßburger Münsterfassade und vielen ihrer
Schwestern. Sie waren das Erbauungsbuch der
Analphabeten, umso leichter verständlich, je öfter
das gewöhnliche Leben den Beschauern die bibli-
schen Bilder, in die reale Wirklichkeit übersetzt,
wiederholte und einschärfte. Wenn sie nach der
Entdeckung der Buchdruckerkunst etwas zurück-
traten, so war dies eine leicht verständliche Folge
der Erweiterung des geistigen Horizonts. Aber
ganz enischwanden sie dem Gesichts- und Jnter-
essenkreis des Volkes doch nicht.

Insbesondere schuf die lange Aera des politi-
schen Friedens von den Kämpfen bei Waterloo
bis zu denen von Mortara und Novara, der Auf-
schwung, den das kirchliche Leben nahm, das leb-
hafte religiöse Bedürfnis und das Angebot tüch-
tiger künstlerischer Kräfte eine selten günstige
Situation, um auch jene Gestalten dem deutschen
Volke wieder vorzuführen, die Christus selber ge-
schaffen, um sie zu Herolden und Verkörperungen
seiner Ideen zu machen. Insbesondere von den
Romantikern durfte man erwarten, daß sie ihrer
Zeit das religiöse Bilderbuch ihrer Altvordern
wieder erschließen würden, wie sie ihm seine Volks-
und Heldenbücher wieder zugänglich machten. Tat-
sächlich hat sichUhnen kein Geringerer als Schnorr
von Karolsfeld jzugewendet. Auch bei Joseph
v. Führich und Ed. v. Steinle kehren sie zum
Teil wieder, und niemand wird kühl an den
Reckengestalten und den ebenmäßigen Kompo-
sitionen Schnorrs vorübergehen, und wenn die
Nachfolge Christi und die Psaluien mit den an-
mutigen Illustrationen Führichs immer wieder neu
aufgelegt werden können, so beweisen sie deutlich
genug, daß der Meister nicht nur seiner Zeit ge-
dient, sondern ein unsterbliches Werk geschaffen
hat. Auch die bisher in weiteren Kreisen wenig
bekannten Werke v. Steinles haben dem Künstler
neue Verehrer geworben. Dennoch nötigen uns
alle drei, uns erst wieder eine ungewohnte Formen-
welt geläufig zu machen und uns der modernen
Kunstanschauungen zu entwöhnen, um sie mit
Genuß zu betrachten. Die Gestalten v. Karols-
felds erinnern zu sehr an die Recken seiner Sagen-
zyklen und weisen eher nach Worms, Lanlhen
und Pöchlarn, an den Hof Siegfrieds, Günthers
und Rüdigers, als nach Nazareth, Bethlehem und
Jerusalem; auchsdie Führichs^und Steinles reden
bei aller Anmut und Tiefe doch eine Formen-
sprache, die uns nicht mehr ganz geläufig ist. —
Ob derartige Erwägungen Männer wie v. Uhde
veranlaßten, nun gerade in die Tiefen und Ab-
gründe der Gegenwart hineinzugreifen, um von
dort sich die Modelle zu ihren biblischen Szenen
zu holen und sie entsprechend der Atmosphäre
zu drapieren, der sie entstammten, d. h. Erd-,
Feld- und Strandarbeiter aus den denkbar ärm-
lichsten Lebensverhältnissen und gelegentlich auch
mit dem denkbar blödesten Gesichtsausdruck? Sie

haben sich langsam und mühsam eine Gemeinde
zu werben gewußt, und in Vorträgen und Licht-
bilderabenden hat man sie den Massen verständ-
lich zu machen gesucht. Ter Erfvlg blieb auch
nicht gänzlich aus, war jedoch keine vorbehaltlose
Hingabe des Publikums an den Künstler, sondern
der Meister hatte sich veranlaßt gesehen, ihm eine
Brücke zu schlagen und entgegenzukommen. Er
war im Laufe der Jahre zahmer, seine Kunst an-
mutiger, die Kostümierung seiner Figuren idealer
geworden. Seine spätere Popularität war also
erkauft durch einen Kompromiß, womit ihm natür-
lich nicht das Buhlen um die Volsgunst als Motiv
insinuiert werden will. Es mag ein redliches
Ringen mit sich selber und ein inneres Ausreisen
gewesen sein. Und dennoch hat v. Uhde den Weg
in die Salons und die Galerien, aber nicht in
die Kirchen gefunden.

Leichter ist dies seinem Rivalen Gebhard ge-
worden. Auch er holt sich die Gestalten aus dein
Leben, freilich Gestalten, denen man zutraut, daß
es sie in die Nähe Jesu zog, daß sie für ein ge-
steigertes religiöses Leben veranlagt waren. Viel-
leicht hat das Milieu der Neformationszeit. das
er mit Vorliebe für seine Bilder wählt, und die
damit unwillkürlich sich einstellende Reininiszenz
an Dürer ihm die Gunst der Oeffentlichkeit rascher
erschlossen, als das sonst der Fall gewesen wäre,
und die Schattenseiten seines Schaffens ver-
schleiern helfen: die unheimliche Häufung von
Köpfen, das Gewirrs auf manchen seiner Schöp-
fungen, also schließlich Mängel der Komposition.
Aber eines der Geheimnisse seiner Erfolge ist
und bleibt sicher das Hinausstreben seiner Kunst
über die Zufälligkeiten und Erbärmlichkeiten des
Alltagslebens, al>o ein gewisser Jdcalisnius, dabei
trotzdem innigste Fühlung mit dem Leben, ins-
besondere ein feines Verständnis für das Gemüts-
leben,. und Annäherung an die Tradition. Seine
Gestalten verflüchtigen sich nicht im Aether über-
triebener Vergeistigung. Sie haben festen Boden
unter ihren Füßen. Aber es sind Gestalten, die
durch ihren „Realismus" nicht abstoßen, sondern
so viel Vertrauen erwecken, daß man überzeugt
ist, mit ihnen zusammenleben zu können und vor-
wärtsstreben zu müssen, falls sie in die Gegen-
wart heranträten. Es ist also „Jnhaltskunst"
was er bietet.

Wollte man einmal auf katholischer Seite Um-
schau halten und sich fragen, was die Popularität
von Malern wie Fugel, Feuerstein u. a. ausmacht,
so ivürde man schließlich auf ähnliche Wabr-
nehmungen kommen, wie die bereits genannten
sind, und soweit bei ihnen von einer Entwicklung
und Wandlungen geredet werden kann, bedeuten
sie eine Bekehrung zu den bereits genannten
Grundsätzen, an denen sich eine lebensfähige und
eine Augenblicks-Kunst scheiden.

Wenn nun im folgenden Bilder eines Fran-
zosen zu den Gleichnisreden Jesu einein deulschen
Leserkreise erschlossen werden solleir — mit wel-
chem Rechte geschieht es? Woher nehmen sie ihre
Legitimation? Die einfachste Antwort auf diese
Frage wäre die Wiedergabe des Berichtes von
Eugen Melchior de Vogüe, Mitglied der Pariser-
Akademie, über seine Bekehrung zu Burnand, der
sie geschaffen, über seinen Widerwillen gegen die
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