Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 46
DOI Heft: 10.11588/diglit.16253.24
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16253.25
DOI Seite: 10.11588/diglit.16253#0057
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1913/0057
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
46

unserem Helfensteiner Grabmal in Neufra
nach Zeit und Art das Erzepitaph des
Deutschordensmeisters in Mergeutheim
von 1539; es wird ohne weitere Beweise
als gewisse stilistische und chronologische
Verwandtschaft dem Sohn Peter Vischers,
Hans, zugeschriebenx).

Indes so berechtigt die Zuweisung dieses
Epitaphs au die Werkstatt des längst ver-
storbenen Peter Vischers ist, so unsicher
scheint mir das Ergebnis einer Vergleichung
mit nnserenr Helsensteiner Monument.

Auf den ersten Blick dagegen läßt ein
ziemlich späteres Erzgrabmal in einer Kirche
außerhalb unseres Landes die engste Ver-
wandtschaft mit dem Grabmal zu Nensra
erkennen. Es ist das monumentale Grab-
relief des Grafen Wilhelm v o u
Zimmern in der St. Martinuskirche
in Meßkirch, dessen Bedeutung für die
Datierung unseres Neufraer Helfenstein-
epitaphs klar zutage liegt. Der Ring der
schwäbischen Knnststätten, die das von Ans-
gar Pöllmann neu aufgerollte, der end-
lichen Lösung und Publikation vergeb-
lich bis jetzt harrende Problem des
Meisters von Meßkirch mit neuem geheim-
nisvollen Dunkel umgibt, sucht sich zu
schließen: Heiligkrenztal, Sigmaringen,
Dotianeschingen, Meßkirch; das Schlußglied
der Kette weist unzweideutig nach Neufra.

In der St. Dt a r t in u s k i r ch e zu Me ß -
kirch erhebt sich gleich neben denr südlichen
Haupteingangstor an der Evangelienseite l

lichsten Erzbilder ist das Grabmal des Truchseß
Georg I. von Waldburg (f 1467) in der Stadt-
pfarrkirche iu Wald fee. Andere, wie das
Bronzeepitaph iu Sulz von 15:18, entbehren
der Plastik; die beiden Werke in der Stiftskirche
in E l l w a n g e u aus dem Anfang des 16. Jahr-
bnnderts find reine Gedächtnistafeln für die
Stifter Honolf und Erlolf und spätere Pröpste
Johann und Albert (vgl. Keppler, Württeinbergs
Kunstaltertümer, S. 0.X). Rätselvoll ist noch
immer Ursprung und Geschichte des großen Grab-
mals Eitel Friedrichs in Hechingen.

l) Es war noch bei Lebzeiten des 1543 ge-
storbenen Hoch- und Deutschmeisters bestellt worden
und stand ursprünglich in der Gruft der Schloß-
kirche zu Mergentheinr, war dann, als die Stadt
an die Krone Württemberg kam, nach Schloß
Monrepos bei Lndwigsburg verbracht worden.
Auf Bitten des Ausschusses für Restauration der
alten Dominikanerkirche wurde das Erzdenkmal
1853 zurückgegeben und fand im Chor der wunder-
vollen gotischen Kirche auf der Evangelienseite
passenve Aufstellung (vgl. Zimmerle, K., Geschichte
der Marienkirche in Mergentheim, 1881, S. 70 f).

des Schiffs ein gewaltiges Erzmouumeut
vou über 3x/2 m Höhe; der Sockel ist
0,76 m, die Nische 2 m, der Aussatz etwa
0,80 — 1 m hoch. Deu Blick des er-
stauuteu Besuchers fesselt vor allem die
2 m hohe, 1,50 m breite Nische, deren
Bogeliabschluß auf reich verzierten Pilasteru
sich wölbt. Vor bent Kruzifix kuiet auf
einem Löwen ein Ritter iu voller Rüstung
und reichem Harnisch, Helm nnb Hand-
schuh zu Füßen, beit Dolch au der rechten,
das Kampfschwert mit reich verziertenl
Knauf an der linken Seite. Die Hoch-
relieffigur scheint des Ritters Lebensgröße
wiederzngeben, die bei der knienden Stel-
lung gerade Ists m mißt.

Aufs höchste überrascht uns ein Blick
zur Linken, abgelenkt von der markigen,
kraftvollen Gestalt des Herrn voll Zim-
mern, die alsbald all das Porträt Gott-
frieds von Zimmeril vom „Meister voll
Meßkirch" in der Donaueschinger Galerie
erinnert und täuschende Porträtähnlichkeit
mit dem Helfellsteiner Ritter in Neufra
aufweist. Hinter dem fromnlen Ritter
ragt mit bent stolz gebauten Haupt und
Vorderleib ein edles Roß auf, das statt-
lich aufgezäumte Schlachtroß des Toten,
des letzten seines Geschlechts, ein überaus
köstlicher, seltener Zug iit der gesamteu deut-
schen und anßerdeutschen Epitaphienkunst!

Im Hilltergrund sehen wir in wunder-
voll plastischem Relief die Unnisse einer
Stadt (Jerusalem?), die auch auf Stein-
denkmälern, besonders der Ulmer Bild-
hauer Hans und Michael Schaller, nicht
selten uns begegnen, nur mit weit kühne-
rem architektonischen Aufbau, Zinnen,
Toren und Türmen. Ueber die ganze,
meisterhafte Gruppe wölben sich fliegende
Wolken mit Sonne und Mond in der
Höhe zur Linken und Rechten.

Die Zwickel der Nische fülleil in den
Ecken Ornamente mit Köpfeil in den
Ecken. Flankiert wird die Nische mit
ihrem Reichtum an Plastik durch zwei je
13 cm breite, mit jonischen Kapitellen
eitbeitbe Pilaster, die je 8 Wappen mit
überschriebenenNamen bedeckeilst, uiid diese

*) Die Wappeuüberschriften am linken Pfeiler
heißen: Zimbern, Erbach, Ottingen, Werdenberg,
Kürchberg, Von der Laitter, Hohenloe, Baden;
am rechten: Eberstein, Hanow, Waldtpurg, Baden,
Epstein, Lißenberg, Fyrstenberg, Katzenelenbogen.
loading ...