Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Tätigkeit als Baumeister und Bildhauer.
Er gehört uach genauen familiengeschicht-
licheu Untersuchungen nicht dem bekannten
Patriziergeschlecht der Neithart an, das
1552 in den Reichsadel erhoben wurde
und jahrhundertelang in der Geschichte der
Reichsstadt eine einflußreiche Rolle neben
den Besserer iuib Krafft spielte. Schon sein
Vater, Jakob Neidhart, wird als Glocken-
gießer genannt; nach einer Notiz im Ulmer
Stadtarchiv hat er 1562 eine vielgenannte
Kanone gegossen. Berühmter ist der Sohn
Wolfgang geworden; er erhielt nach dem
Historiker der Ulmischen Geschlechter und
Zelebritäten, Weyermann, am 7. Juni
1584 vom Pfalzgrafen von Neuburg
einen Wappenbriefl).

Biele größere kunstgeschichtliche Werke
kennen seineil Ranlen nicht; wohl aber
führt Kuhns Allgemeine Kunstgeschichte
sein Denkmal in Meßkirch an2).

Glocken mit seinem Ramerl ließen sich
ausfindig machen in Sondern ach,
OA. Ehingen, in der dortigen evangelischeil
Filialkirche, die in spätgotischeiil Stil noch
im Jahre 1599 erbaut ivordeil ist.
Jil gotischen Minuskeln lautet die In-
schrift auf der einen Glocke: Wolfgang
Neidhart gos nlich 1598 3).

Beachtenswerter für unsere Frage ist
eine andere Reidhartglocke in Lautern,
O'II. Blanbenre», welche den ganz gleichen
Vers trägt ivie unser MesckircherMonument:
Aus dem feir bin ich gestoßen.

Wolfgang Neidhart in Vlm hat mich gosen 1583 4).

Weitere Fundstätten für Glocken mit
seinem Namen sind Ulm (Wengen), Trn-
genhofen, Trochtelfingen, Beimerstetlen,
Deggingen, Dillingen, Frankfurt a. Bö,
Ta Nil Hausen, OA. Ellwangen, u. a.
Dort sind nach dem Inventar des Jagst-
kreises^) zwei Glocken vonl Jahre 1620
von Wolfgang Neid hart i u Augs-
burg mit gleicher poetischer Inschrift,
die eine lateinisch, die aildere deutsch:

') Weyermann, Nachrichten S. 417; Viertelj.-
Schrift b. Herold 1895, S. 261 ; Ulmer Ober-
amtsbeschreibung II. 284 u. 308; falsch ist die
Veriveisuna in Königreich Württemberg IV, 547.

'0 Pl. II, S. 629.

3) Kunst- u. Altert.-Denkm., Ino. Ehingen
1912, S. 197.

4) Jnvenlar Blaubeuren 19 ll, S. 135.

b) Jagstkreis S 181; genauer bei Keppler,
Kunstaltertümer, O. 91.

Aequas sie nos per üarnrnas
Ars bona restruxit,

Ut per iniquas nos flammas
Sors mala destruxit.

Wolfgang Neidhart in Augsburg gos mich

anno 1620.

Dieser Wolfgang Neidhart ist jedenfalls
der Sohn jenes Meisters, der sich in Augs-
burg niedergelassen hat. Der Vater,
Wolfgang Neidhart, wurde 1596 nach
Augsburg berufen *) und schuf dort die
Bildsäulen ans den Brunnen, die Kaiser-
bilder, die Leuchter ans dem Rathaus,
kam aber nach derselben Angabe mit ver-
schiedenen Personen schon 1598 um, als
ein von ihm gegossenes Stück bei der
Probe sprang.

Sollte sich letzteres Datum, ohne Nach-
weis mit dein einzigen kurzen biographi-
schen Satz a. a.O. mitgeteilt, bewahrheiten,
hat sich dann der in Tannhausen genannte
Wolfgang Neidhart in Augsburg erst
nach des Vaters Tod wieder in der Vater-
stadt niedergelassen, wie die Inschrift ans
dem Meßkircher Grabmal nahelegt? Oöer
ist das Todesjahr Wolfgangs des Aelteren
dort unrichtig angegeben? Hier müssen
weitere archivalische Nachforschungen ein-
setzen, die mir nicht wenige Urkunden
zur Geschichte dieser hochbedeutsamen
Glockengießerfamilie für mehrere Gene-
rationen in die Hände führen sollten.

Nach dem Zunftbuch der Ulmer Rotschmiede hat
Wolf Neyithart 1573 „Zunft angenommen" und
bekleidete seit 1579 mehrmals verschiedene Zunft-
ämter: „Zunffunaister, Kolmaister, Zwelffniaister,
Buchsenmaister." Der Eintrag mit). 8. gezeichnet,
d. i. der spätere Zunftmeister Jos Sachs, schließt:
„Solche Empter har er mit sonderm Lob und Rhum
in die zwaintzig jhar lang und ainer erbar zunfft
ivoll verstanden getragen und endlich anno 1599
in dem 6 oder 57isten jhar seines alters seliglich
auß disem jhammerthal abgeschieden". Wolfgang
Neidhart ist also entgegen anderen handschriftlichen
und gedruckten Angaben erst einige Zeit nach dem
1598 geschehenen Unglück beim Platzen der „Sin-
gerin" gestorben, eine nicht unwichtige archivalische
Bestätigung des Meßkircher Monumentendatums,
ebenso die Inschrift einer Glocke in Rammingen
mit der Jahreszahl 1599. Ueber seine Aufnahme
ins Augsburger Bürgerrecht liegen Archivalien vor,
ebenso über die von Niederländern modellierten,
von Wolfgang Neidhart Vater und Sohn gegossenen
S t a d t b r u n n e n, die der alte Paul von Stetten
in seiner Augsburger Kunstgeschichte beschreibt.

Z Oberamtsbeschreibung II, 303. Ein Stief-
bruder Wolsgangs, des einzigen, den die Ulmer
OA. kennt, Valentin Allgöwer, war Glocken- und
Büchsengießer bei Markgraf Georg von Branden-
burg.
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