Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 51
DOI Heft: 10.11588/diglit.16253.24
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16253.25
DOI Seite: 10.11588/diglit.16253#0062
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1913/0062
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
51

Zimmern, gestützt auf die Helmzier; in
Neusra schließen sich im Aufsatz drei
Familieuwappeu, von Engeln gehalten,
aneinander, flankiert von zwei sich win-
denden Drachen an den Seiten, die Spitze
in Nollwerk mit Engelsköpfchen auslau-
fend: in der Mitte das Wappen der Hel-
fenfteiner und Gnndelfinger, rechts das
Zimmernsche, das Wappen der ersten Frau
Georgs von Helfenstein, Apollonia von
Zimmern, links ein steigender Greif, wohl
Wappen der ersten Gemahlin Georgs,
Maria von Bowart.

Die Wappen, an den oberen Pfeilern
je sechs, am Sockel je zwei, entsprechen
den acht Paaren an den Pfeilern der
Nische in Meßkirch; nur fehlen in Nenfra
die zwei untersten Wappentafeln am rech-
ten Pilaster der Nische, wie schon in der
Kopie des Donaueschinger Kodex.

Die Ueberschriften der Wappentafeln lauten
am linken Pfeiler: Althelfenstein. Limburg, Eber-
stein, Hohenberg, Weinsberg, Thiersteiu, Bossen')
(= Bosnien oder Boffen von Emerkingen und
Zwiefalten?* 2), Hochenloch. Am rechten: Sunenberg
(— Sonnenberg), Salm, Montfort, Sirck (— Sürg,
Sürgenstein), Abenfperg (ohne Wappen), dann
eine Lücke für ein weiteres, schon im 17. Jahr-
hundert fehlendes Wappen; Teck, Falkenburg.
Wie die acht Reihen am Zimmernschen Monument
in Meßkirch stellt diese gleiche Anzahl von Wap-
pen die Ahnenprobe der verwandten Geschlech-
ter dar. Durch seinen Besitz und seine ver-
wandtschaftlichen Beziehungen hatte es einst zu
den ältesten und mächtigsten Adelsgeschlechtern
Schwabens neben den Hohenstaufen und Hohen-
zollern gehört, aber seit dem 16. Jahrhundert, in
welches unser Denkmal uns versetzt, war sein
Slern im Erbleichen.

Die erste Inschrift im Fries über der
Nische in Minuskelschrift lautet:

„Aufs den 8. Novembris3) Anno 1573 starb
der Wolgeborn Herr, Herr Georg Grave zu

') Maria, Tochter des Herzogs Stefan von
Bosnien, war die Gemahlin des Grafen Ulrich
von Helfenstein, des Stifters der Wiesensteiger
Linie, der 133*1 starb. Unter ihm erreichte die
Herrschaft Helfenstein den Höhepunkt ihrer Macht.
1356 erfolgte die verhängnisvolle Teilung des
Besitzes auf den Rat der bosnischen Herzogs-
tochter. S. Kerler, Geschichte der Grafen von
Helfenstein, S. 58.

2) Die Bossen waren ein altes Geschlecht,
nannten sich Bossen von Emerkingen und Zwie-
falten, Nachkommen der Gaugrafen. S. Sulger,
Annales Zwif. I 88, 168.

3) Also am 7. November, wie nach Urkunden
Vochezer-Sproll, Gefch. d. H. Waldburg III, 480;
fälschlich 17. Nov. 1573 bei Kerler, Geschichte der
Grafen Helfenstein, S. 138, ohne Erwähnung des
Monuments.

Helffenstein, freyherr zu Gundelfingen. fr. Oe.
Ertzhertzog Ferdinands zu Österreich Gehaimer
Rath, Oberster Hoffmaister unnd Landvogt zu
Nellenburg, der das Leben mit wordten Lut
Zedels beschlossen, dem melle Gott genedig sein.
Asmenj."

Mit diesem „Zettel" ist jedenfalls das über
dem Haupt des Ritters sich windende Spruch-
band gemeint, welches eine ebenfalls deutsche,
gereimte Minuskelinschrift trägt:

„Ach Herr Gott, dein wortt glaub ich.

Du werft ewig bewahren mich."

Die dritte Inschrift des Epitaphs ist,
weniger ästhetisch als rhetorisch, in der linken
Hälfte der Nische dem Toten gegenüber angebracht.
In 1l lateinischen Distichen werden die Haupt-
dalen aus dem Leben des Grafen Georg von
Helfenstein gefeiert. Die Jahreszahl wird den
Versen vorangestellt und zugleich chronostichisch
innerhalb derselben durch Großformat der Zahlen-
wert bedeutenden Buchstaben ausgedrückt. Nati-
vitas, memorabilia heroica gesta und obitus,
nicht aber seine doppelte Vermählung findet Er-
wähnung. Im Jahre 1536 heiratete Georg, als
drittes von 13 Geschwistern 1519 in Bamberg
geboren, erst 17 Jahre alt, die vom letzten Gun-
delfinger Schweikhart als Erbsn eingesetzte, ver-
wandte Maria von Boivart und Gomignes, die
ihm 6 Kinder gebar. Die Hochzeit wurde am
4. Mai 1536 aus Schloß Neusra gefeiert. Nach
dem Tode von Maria (1565 in Neusra begraben)
vermählte sich Georg 1569 mit Apollonia von
Zimmern, und hinterließ aus dieser Ehe zwei
Söhne, Georg und Froben, die nach dem Tode
des Oheims Graf Wilhelm von Zimmern die
Herrschaft Meßkirch nebst Gundelfingen-Neufra
erwarbenH.

Die in dem Epitaphium erwähnten Studien
machte er nicht auf der Universität Tübingen,
wo schon die Grafen Friedrich (1492), Ulrich
(1500), Rudolf (1525) studiert hatten, auch nicht
auf der erst 1551 gegründeten Jesuitenuniver-
sität Dillingen, sondern wohl, wie manche andere
Helfensteiner, in Ingolstadt.

Die Feldzüge gegen die Türken fallen in das
Jahr 1542, wo das Reichsheer unter Ferdinand I.
gegen Soliman bis vor Besd, d. h. Ofen-Pest,
drang, dann folgen der Krieg mit Frankreich,
wo bei St. Dizier- Santesier im Juli 1544 ge-
kämpft wurde, der Schmalkaldische Krieg, wo er
auf seiten des Kaisers stand. Nach den kriege-
rischen Lorbeeren werden die Verdienste des
Ritters als Beamter aufgezählt: er war Anwalt
am Neichskaunnergericht zu Speyer 15482), dann
1552 Statthalter von Siebenbürgen, im folgen-
den Jahr schon am entgegengesetzten Ende des
Reiches, im Elsaß Oberstlandvogt. Hierauf zeich-
nete er sich wieder im Türkenkrieg ans, vor
Raab in Ungarn, als Oberster „betelldt" (d. i. be-
soldet oder beigesellt?); im nächsten Jahr als
Statthalter in Innsbruck. Wie später sein näch-
ster Landsmann Hans Christoph von Hornstein

') S. Kerler, a. a. O. S. 137 f.

2) Wie kurz zuvor sein Ulmer Landsmann,
Daniel Mauch, vgl. Nägele, Aus dem Leben
eines schwäb. fahrenden Scholaren, 1911, S.46ff.
loading ...