Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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wertes ist seinem letzten Grunde nach
wesentlich mathematischer Natur, seine
obersten Gesetze sind die Gesetze der Ma-
thematik" ]). Das trifft zusammen mit
dem Worte, das uns Sextus Empi-
rien s als einen--Satz der Pythagoräer
berichtet: Häoa ys iii]v zE^vrj ob g
ävciAoy Lag ovvdoxrj, avaXoyia ö’iv
dQid'fzü xelzar näoa ägcc te%vi] 61
äQld'fAO) OVVEOTtj. (Adv, Log-. A 106.)2)

Eines der wichtigsten ästhetischen Gesetze
ist die Proportionalität, das bem
Auge wohltuende glückliche Größen- und
Maßverhältnis der Teile untereinander
und zum Ganzen. „Das Entscheidende
iu der Architektur sind die Maße," sagt
H. Grimm. „Die Physiognomie der archi-
tektonischeil Kunstjchöpsungen, wie die
psychologische Wirkung ihrer Erscheinnngen
beruht im wesentlichen in den Nelatioueu
ihrer Abmessungen zur Umgebung, zur
Natur und zum Menschen, sowie iu den
Verhältnissen der einzelnen Teile des Bau-
werks zueinander und zum Ganzen. Auf
dieses propmiionale Zusammenklingen, auf
der Harmonie der Verhältnisse (der
Eurhythmie der Alten)* 2 3) gründet sich
fast ausschließlich die geheime Macht, welche
die äußere Gestaltung, welche die Juneu-
räume aus uns ansüben. Neben dieser
alles andere dominierenden Potenz tritt
die Bildung der Einzelheiten, die Form
der Oeffnnngeu, die Gestaltung der Pfeiler
usw., Farbe und Dekoration weit in den
Hintergrund, und alle diese Details ma-
chen sich auch nur insoweit geltend, als
sie ihrerseits wieder die Gesarntverhällniffe
modifizieren, einzelne Teile in andere Be-
ziehungen zum Ganzen setzen."

Die moderne Architektur verhält sich
allerdings in weiten Kreisen gegen die
Lehre von der Proportion als ästhetischem
Erfordernis nicht sehr sympathisch. Aber
es gereicht dein modernen Architeklrrrweseu
keineswegs zunr Vorteil, daß es dem
Schlagmort folgt, das Mormarin und
Ungewitter formulierten: „Freiheit des
Schaffens von Fall zu Fall". — Hoeber
bemerkt darüber sehr gut: „Diese „Frei-

*) Vorwort zu Roriezer, Von der Phialen-
gerechtigteit. Nürnberg 1845.

2) Hans Auer im Rep. f. Kunstwiss. XIX
(1896) 188,

3) Aiberti nennt es „musica“.

heit" läßt sich für die Modernen sehr gut
mit „Willkür" übersetzen; und iu der
Tat gibt es selten etwas Willkürlicheres,
Zerfahreneres, als die moderne Architek-
tur: man verlangt mit Sehnsucht nach
dem neuen Stil, und sucht den iu der
Neuerfindung von „Motiveil" und Zie-
raten, anstatt in modernen Raumlösungen.
Und wie elend die letzteren man-
gels j e g l i ch e n V e r st ä u d u i s s e s für
Harmonien meist aus fallen, wer-
deu wir leider noch oft zu bemerken Ge-
legenheit haben" i).

Das formale Grundgesetz des Schönen
ist das Maß, ist und bleibt die Pro-
portion (proportio sive consonantia,
sagten die Alten). Thomas v. Aquin
zählt sie mit Aristoteles als ein Wesens-
moment des Schönen ans. — Die Pro-
portion aber ist nichts anderes, als ein
wohlgefälliges Verhältnis der an Größe,
Wert und Bedeutung verschiedenerr Teile
zu einander2). Die ästhetische Symmetrie
ist (anders, als die geometrische, die eine
Zweiteilnng ist) eine Dreiteilung, weil
Verbiridung zweier gleichartiger Teile durch
einen mittleren, dritten Teil.

Proportion bedarf differenzierter Teile,
die sie zum Ganzen verknüpft aus Grund
der zwischen ihnen und bem Ganzen be-

*) F r. Hoeber, Architekturproportionen, S. 6.

— Hoeber hat freilich auch keine Sympathie für
ein festes, zahlenmäßiges Proportionsgesetz, wie
es beispielsweise Alhard v. Drach, Das
Hüttengeheimnis vom gerechten Steinmetzgrund,
verlangt, sondern befürwortet die Ansicht, „daß
das Allerunwesentlichste bei den Proportionen das
Zahleniuäßige ist, der Hauptton dagegen auf dem
eigentlich doch ganz irrationalen Begriff
der elastischen Harmonie ruht" (ebd. 7).

— Ich verstehe allerdings nicht recht, wie sich
dieser Satz vereinigen kann mit dem andern,
S. 12: „Die Proportion ist die mathema-
tische Formel für den Gedanken der künstle-
rischen Wirkungsrelativität", und „Kunst ist
Zahl".

2) Dabei kommt für die Architektur als be-
sonders wichtig die geometrische Proportion
in Betracht, als die künstlerisch höhere. Sie ist
logisch enger verknüpft, organisch mehr geschloffen;
in der arithmetischen Progression ist noch nichts
von Unter- und Ueberordnung zu verspüren.
Vgl. darüber sowie über den Begriff Proportion
und die mit ihm verwandten Begriffe „Verhält-
nis", „Harmonie" Fr. Hoeber, Architekturpro-
portionen, Franks. 1906, S. 3 f.; vgl. Hilde-
brand. Das Problem der Form, \ Straßburg
1903, S. 41 f.
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