Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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stehenden Verhältnisgleichheit, auf Grund
eines das Ganze beherrschenden Gesetzes,
das die mannigfaltigen Teile zusammen-
faßt und auf die Einheit zurückführt.
Grund der Schönheit ist die Einheit
in der Mannigfaltigkeit.

Daß das antike Bauwesen ganz be-
stimmten einfachen Maßverhältnisse-u unter-
lag, sollte füglich nicht bezweifelt werden.
Es ist fast undenkbar, daß die wichtigsten
Prinzipien der Massengliederung, Rhyth-
mus und Proportion — nicht sollten ur-
sprünglich ziffernmäßig sestgestellt worden
sein '), — auch wenn man nicht in Rech-
nung ziehen wollte, wie stark die Ueber-
zeugung von dem pythagoräischeu Satz
war, daß die Zahl das Wesen der Dinge
allsdrücke. Wir wissen ja, wie sehr sich
die Alten Mühe gaben, das Proportions-
gesetz zu finden; die gleichartigen relativen
Maßverhältnisse der Pyramiden, der dori-
schen und jonischen Tempel konnte nicht
verborgen bleiben und reizte den Erfor-
scher der antiken Architektur immer wieder
von neuem, die von den Allen benützten
Maßverhältnisse zahlenmäßig festzustellen,
den Ruinen das Geheimnis antiker Eu-
rhythmie zu entlocken* 2) und zu zeigen,
daß es nicht lediglich ein unkontrollier-
bares, „ästhetisches Gefühl" war, das die
Alten hierin das Nichtige finden ließ,
sondern durch feste Berechnungen und
(experimentell?) gefundene objektive Gesetze
mathematisch berechenbarer Verhältnisse —
so wie ja auch ihre Musik — und noch
heute die katholischen Choralmelodien, die
Kirchentonarten — auf den allereinfachsten
Zahlenverhältnissen der Tonschwingnngen
beruhen.

Daß nun an den verschiedenen Ban-
werken verschiedene Verhältniszahlen an-
gewendet worden seien, war die nächst-
gegebene Meinung derer, die von einer

*) Für den ägyptischen Proportionsknnon
ist zu vergleichen Diodor, I, 98.

2) Vgl. G. Dehio, Das Proportivnsgesetz
der antiken Baukunst und sein Nachleben im
Mittelalter und in der Renaissance. Straßburg
1895. — Thiersch wies an vielen antiken und
Renaissancebauwerken eine konsequente Durchfüh-
rung der einmal angeschlagenen „Tonart" durch
die verschiedenen Abstufungen des Bauwerkes
nach. — Vgl. besonders R. Reinhardt, Die
Gesetzmäßigkeit der griechischen Baukunst, I. Teil.
Stuttgart 1903.

solchen Proportionalität überzeugt waren.
Aber neuestens wurden die Versuche inliner
-zahlreicher, welche den Nachweis zu er-
bringen versprachen, daß den verschiedenen
Banwerkeil — und zwar den unbestritten
schönsten — des Altertums, Mittelalters
und der Neuzeit — oder weuigstens be-
stimnlten Gruppen derselben, wie z. B.
dem dorischen Tempelbau, bem altchrist-
lichen Zentralbau usw. — eine gleich-
artige, einheitliche Norm zugrunde liege.

A. Thiersch formuliert^) die Prob-
lemstellung kurz dahin: „Was die Pro-
portioneil anlarigt, so ist nur so viel ge-
wiß und über alle Einwendung erhaben,
daß die Teile eines Bauwerks zu einan-
der und zum Ganzen in einem „richtigen"
Verhältnis stehen müssen. Aber wie
diese Verhältnisse zu definieren seien, ob
sie durch Zahlen ansgedrückt werden, oder ob
sie ans einfache geonietrische Figuren zurück-
geführt werden können, das ist die Frage."

Hans Auer präzisierte seine Ansicht
dahin: „Daß zu allen Zeiten arithmetische
oder geometrische Proportioneil einzel-
n e n Bauwerken sowohl der inneren Raum-
gestaltung, als auch der Fassadenbildung
zugrunde gelegt worden sind, ist nicht zu
bezweifeln. . . . Aber wir können nicht
glauben, daß in allen Denkmälern, wo
solche Proportionen einfacher Zahlfolgen
des goldenen Schnittes oder des gleich-
seitigen Dreiecks usw. auftreteu — diese
absichtlich vom Künstler von vorn-
herein in die Entwürfe gelegt lvordeil
sind, als bestimmte Leitlinien seiner bil-
dendeil Tätigkeit. Wir sind vielmehr der
Ansicht, daß die Baukünstler unbewußt
und ohne Zirkel oder Maßstab auf die in
Rede stehenden Verhältnisse einzelner Teile
unter sich und zum Ganzen gerateil können,
weil eben der Sinn dafür in ihre Seele
gelegt ist — vielleicht darum, weil solche
einfache Proportionen auch unserem Kör-
perbau zugrunde liegen. Kein mathema-
tisches Verhältnis könnte den Künstler be-
friedigen, das nicht in seinem Gefühl mit-
klingende Sailen findet, und weil es ihm
iunewohnt, benötigt er auch feiner Regeln
und Maße, um es aus sich Herauszu-
bllden"2). (Fortsetzung folgt.)

1) Handb. d. Archit. II, 1, S. 38.

2) a. a. O.
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