Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 56
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der Drachme in die Oeffentlichkeit hinausruft, die |
Sorgfalt, mit der die Frau dem Kinde das „hoch-
zeitliche Kleid" umlegt, daß es sich für sie um mehr
handelt und auch für den Beschauer um mehr
handeln soll, als um eine „Backstuben"-, „Söller"-
oder „Ankleide"-Szene. Was hier zunächst Er-
eignis aus dem Alltagsleben ist, das ist Gleichnis
eines hehren, geistigen Lebens, und die handeln-
den Personen präsentieren sich, ohne Pose und
ohne Theatereffekt, zugleich als Akteure in einem
Drama, das Diesseits und Jenseits umfaßt und
mit der Seligkeit enden soll. Der Kunstgenuß
steigert sich zur Erbauung und greift vom Gemüt
und der Phantasie hinüber in das Reich des
Denkens und Wollens; die ästhetische Erregung
bildet sich um in Anregung zum Handeln und
Ringen.

Wer Gleichnis und Ereignis so eng miteinander
zu verbinden weiß, dem müssen die dargestellten
Szenen persönliches Erlebnis geworden sein. Tat-
sächlich hat der Künstler sich den Glauben an den
Inhalt der Heiligen Schrift bewahrt, aber eben-
sosehr die Liebe zum heimatlichen Boden, der Vege-
tation, die er trägt, der Tierwelt, die er ernährt,
den Menschen, die ihn beleben. Er ist ein Kind
der Provence und kam von der Landschafts- und
Porträtmalerei zur religiösen Kunst herüber. Sein
künstlerisches Glaubensbekenntnis redet noch deut-
lich von seinem Werdegang. Die Freude an der
Natur und ihren Einzelerscheinungen im Tier-
und Pflanzenleben und ihren Gebilden in der
Landschaft ist ihm treu geblieben, und die Fähig-
keit, im Menschenantlitz zu lesen und in dessen
Ausdruck das innere Wesen mit seinen Regungen
und Neigungen zu erkennen und wiederzugeben,
hat er beibehalten. Und so hat er denn beim
Uebergang zur religiösen Kunst nicht erst Reisen
nach dem Orient gemacht, um den heutigen Sa-
maritan oder den modernen Acker- und Wein-
bauern in Palästina zu studieren, sondern seine
Typen und Szenerien weisen in die Täler und
Höhen der Provence, daher das Herbe, das ihnen
gelegentlich anhaftet. Sein begeistertster Verehrer
gibt zu, daß es nicht schwer fallen würde, die
Originale in und um Montpellier zu finden. Daß
bestimmte Persönlichkeiten es ihm besonders an-
getan haben, beweist die Aehnlichkeit des Knaben,
der dem almosenspendenden „Pharisäer" das Geld
nachträgt, mit dem Schenken beim Prasser, oder
die der zweiten Jungfrau neben dem König beim
„Hochzeitsmahl" mit der einzigen unter den „klugen
Jungfrauen", die noch wacht, die des „Königs",
der Abrechnung hält, mit dem Besitzer des „un-
fruchtbaren Feigenbaums" usw.; doch sind es keine
puren Wiederholungen. Der Künstler ist nicht
rein reproduktiv, sondern produktiv tätig, versteht
zu individualisieren, ohne kleinlich, zu idealisieren,
ohne fade zu werden. Wundern kann man sich,
warum unter seinen Gestalten Christus sich nur
einmal findet und auch da in solcher perspekti-
vischer Entfernung, daß nur die Gestalt als solche,
nicht aber das Detail betrachtet werden kann.
Nicht einmal beim „Guten Hirten" hat er Christus
dargestellt, sondern der Herde einen Mann in der
Reife der Jahre — aber allerdings in idealer
Gewandung — als Führer gegeben. Ein Zau-
dern vor einem solch erhabenen Gegenstand ist

begreiflich und ist auch für Lionardo bezeugt.
Dem großen Italiener half sein Genie über die
Bedenken hinweg. Der Provencale blieb vor der-
selben stehen und hat damit vielleicht die Gren-
zen seiner Kraft anerkannt, aber auch seine Ehr-
lichkeit bewiesen. — Vor Jahrhunderten ist aus
den Tälern der Provence der Minnesang ent-
sprossen, hat die deutschen Grenzen kühn über-
schritten und in den deutschen Gauen einen
Liederfrühling erweckt, der kaum noch einen
fremdländischen Zug verrät. Auch im moder-
nen Deutschland ist Edelsinn und Kunstgefühl
genug, um dieser „fremden" Kunst in der Heimat
ein Plätzchen zu gönnen und bei verwandten Rich-
tungen und ihren Verehrern Aufnahme zu ver-
schaffen. Sie verleugnet ihren Ursprung nicht;
und doch hat sie auch dem deutschen Gemüt viel
zu sagen. Dafür bürgen ihre Innigkeit und ihre
Ehrlichkeit.

Lltercilur.

Die Bergkirche bei Laudenbach. Ihre
Geschichte und ihre Kunstschätze. Ein Ge-
denkblalt zur 500-Jahrfeier der Gründung
von Or. Max S ch e r m a n n. Mit vielen
Abbildungen und zwei Zeichnungen. I,
Thommsche Buchdruckerei und Verlag.
8. 1. et a. (1912.)

Das alte Bergkirchlein, das im Herbst vorigen
Jahres im Jubelgewande einer 500jährigen Ge-
schichte seine Freunde und frommen Wallfahrer
zu heiliger Feier einladen konnte, verdient eine
Monographie. Seine Geschichte und seine Kunst-
geschichte bieten viel des Interessanten, Schönen
und Erhebenden. Prof. Or. M. Schermann
hat sich den Dank der Kunstfreunde und der
Verehrer dieses trauten Wallfahrtskirchleins ver-
dient, daß er mit großem Fleiß und anerkannter
Sachkenntnis zu diesem Jubiläum eine würdige
literarische Jubiläumsgabe geschrieben hat.

Was in den Archiven über die Geschichte des
Küchleins sich finden ließ, ist historisch solid zu
einem Ganzen verarbeilet. Es entbehrt nicht
des Reizes, zu sehen und an der Hand der wechsel-
vollen Geschehnisse zu verfolgen, wie die großen
Wandlungen der Geschichte ihre Wellen auch in
den Waldesfrieden dieses Kirchleins hereinbran-
den lassen, angefangen von der Giündung im
Jahre 1412 durch die Wirrnisse der deutschen
Glaubensspaltung bis herauf zur Säkularisation.
— Wertvoll ist aber auch der zweite, kunfthisto-
rische Teil der Schrift. Schermann führt darin
m. E. mit durchaus anerkennenswerten Gründen
den Nachweis, daß wir es in Laudenbach zweifellos
mit Kunstwerken zu tun haben, die der Würz-
burger Kunst anzugliedern sind. Es werden für
die weiteren Vergleiche die jüngst erschienenen
Ausführungen von Pinder (Die mittelalterliche
Plastik von Würzburg) sehr dienlich sein.

Dem sachkundig geschriebenen Büchlein, dessen
Lektüre durch die reichlich dargebotenen Illustra-
tionen in glücklichster Weise unterstützt wird,
wünschen wir eine recht große Verbreitung, be-
sonders im Frankenlande.

Tübingen. L. B a u r.

Stuttgart, Vuchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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