Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 57
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Organ des Notteiiburger Diözej'llil-Kllilitverclils.

Herausaeaeben und redigiert vo» Universität^-Professor Or. £. l^aur in Tübingen.
Eigentum des Uottenbnrger Diozesau-Uunstvereins;

Kommissions-Verlag und Urne? der Slklieu-Gesetlschaft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

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* * Akt.-Ges. „Deutsches Bolksblatt" in Stuttgart pro Jahr M. 4.50. <

Tempelmaße.

Von Pro'. Dr. L. 93 mir, Tübingen.

(Fortsetzung.)

Andere — es ift ein Bruchteil der
Gefühlsästhetiker — konnten sich zwar
der Einsicht nicht verschließen, daß die
Alten in ihren Architektnrwerken ästhe-
tisch-mathematische Proportionsgesetze znr
Anwendung brachten, klammerten sich aber
wenigstens noch an den Gedanken an, daß
dies unbewußt oder — etwas moder-
ner — unterbewußt geschehen sei ]).

Eine derartige Auffassung muß natürlich
in dein Maße nrehr an Boden verlieren, als
es gelingt, nachzuweisen, daß die Ver-
hältnisse, die vermeintlich ganz ans einem
gewissen subjektiven Proportionsgefühl ent-
sprungen sind, auf gleichartig angestellte
Berechnungen sich zurückführen lassen und
einen durch und durch objektiv mathe-
nlatischen Charakter an sich tragen, um-
somehr, wenn sie sich auf ganz verschie-
dene Zeiten verteilen und auf eine große
Zahl ausübender Künstler, die unterein-
ander in keinem Zusammenhang stehen.

Leider hat sich die Kunstgeschichte, die
sich bisher fast ausschließlich ans die Ent-
wicklung der äußeren Knnstformen be-
schränkte, dieser für die Aesthetik und
Kunstgeschichte gleich bedeutsamen Frage
noch nicht in dem wünschenswerten Um-
fang zugewandt; nicht einmal die bisher
gewonnenen Resultate der Proportionen-
sorschnng wurden in den Gesamtdarstel-
lungen bis jetzt verwertet. Bedeutsam
sind in neuerer Zeit zunächst die Unter-
suchungen von A. Thier sch (Handb. d.

! Arch.) geworden; nicht so fast liegt ihr
Wert in den Ergebnissen über Eiyzel-
fragen, als in der festen Begründung des
Proportionsgesetzes überhaupt. „A.THiersch
sieht das große Gesetz in der stetigen
Proportion überhaupt und der geome-
trischen Analogie (Aehnlichkeit, Wieder-
holung) der Teile mit dem Ganzen." Mit
Recht bemerkt 6. Odilo Wolfs 0.8.6.
(Tempelmaße, S. 43) dazu: „Es ist das
eine Sache von höchstein Interesse, welche
die vollendete Durchbildung des griechi-
schen Kunstwerkes zeigt; sie reicht aber
nicht ans zur Begründung der Propor-
tionalität, stellt sich vielnkehr eher als eine
Folge ans derselben dar."

Von den ans dem Rechteck abge-
leiteten Versuchen des Verständnisses, wie
sie V. Schultz versuchte, können ivir
absehen und uns ans diejenigen Bei suche
beschränken, die vom Dreieck ansgehen.

1. Schon Viollet le Dnc hatte
in seinem großartigen Architeklnrwerke
(IX 6r>tretier> sur Tarchitecture,
S. 402 f.) den Versuch gemacht, den
Proportionen antiker Bauwerke ans die
Spur zu kommen. Er operierte mit
Tiiangulationen, für die er verschiedene
Dreiecksarten zugrunde legte: das sogen,
„ägyptische" Dreieck, ferner das gleich-
seilige und das gleichschenklig-rechtwinklige
Dreiecks. l

l) Zur Beurteilung dieser „ägyptischen Triaugu-
latur" siehe Dehio, Das gleichseitige Dreieck
als Norm gotischer Baiiproporlioneu, S. ist und
Max H as ak, im Handbuch d. Arch., oder Duriu,
K. Teil, 4. Bd., 3 Hst., Stuttgart lU0s: darin
wird rein aprioristisch jede Triangulation als
verfehlt abgelehui.

') Fritz Ho eher, a. a. D. S. 30 s.
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