Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 59
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vielen Möglichkeiten des Dreiecks das
vollkommenste, weil die reinste Darstellung
des Gattungsbegriffs, das faßlichste Sym-
bol des inneren Gleichgewichts. Daher
vertritt er „nicht bloß ans Traditions-
seligkeit, sondern aus Ueberzeuguug von
dein inneren Wert dieser Regel" die
Triangulation mittels des gleichseitigen
Dreiecks.

Dehio war ausgegangen vom mittel-
alterlichen Bauwerk (Straßburger Mün-
ster) und verfolgte von da aus die Ent-
wicklung rückwärts. Er wies Beispiele
für das gleichseitige Dreieck auch in frühe-
rer, romanischer Zeit bis etwa ums Jahr
1000 nach. Bon da aus bezog er die
byzantinische und antike Baukunst in den
Kreis seiner Untersuchungen eiuZ. Das
Resultat derselben war die Konstatierung:
daß die Triangulatur ein schon der An-
tike bekanntes Prinzip sei, das vor allem
an den antiken Zentralbauten: in drei
Formen nur Pantheon, den Caiacalla- und
Dioklelianstbermen, der Minerva medica,
Torre di Schiavi als der einen Gruppe,
denr Jupitertempel zrr Spalalo, des Por-
tumuus zu Ostia, der Vesta zu Tivoli
als zweiter Gruppe, und in dritter Forur
am Kolumbarium der Freigelassenen des
Augustus zur Verwendung kam. Ja selbst
das Grabmal des Tantalus in Phrygieu
zeigt diese Triangulation. „Hiemit sind wir,
wo nicht chronologisch, so doch logisch
beim Itrspruug der Met hode (der
Triangulation) angelangt. Wie der Tu-
mulus die Urform aller Zentralbauten ist,
so mußte auch au seiner Silhouette zuerst
die geometrische Beziehung zwischen Kegel
und Dreieck zum Bewußtsein kommen. War
einmal diese Abstraktion vollbracht, dann
war der Schritt zur absichtsvollen Rege-
lung dieses Verhältnisses nicht mehr weit.
Dian kam aus das gleichseitige Dreieck,
weil es unter alleil feines Geschlechtes das
einfachste, das am meisten typische, das die
Gleichgeivichtsidee am vollkommensten dar-
stellende ist. Der Zentralball in seiner
weitereli Entwicklung führte es dann durch
alle Stadien als einen festen Erbbestaud
mit sich " * 2)

, ') Zuerst in Ztschr. f. bild. Kunst. N. F. V
(1894), <273.

2) Ztschr. f. bild. Kunst, N. F. V (1894), 21h.

„Die altchristlicheu Basiliken kennen die
Triangulatur ebensowenig wie die griechi-
schen Tempel. Sie gehört im Altertunt
allein dem Zentralbau. Ihre Uebertragung
ans den Longitudinalbail ist das Werk
des Mittelalters." Wie und wann dieser
Vorgang sich vollzog, weiß Dehio nicht
allzugeben. Ueber allem Zweifel aber
steht ihm, daß die Triangulatur in der
romauischeu und gotischen Baukunst nichts
anderes ist, als Nachleben der Antike. —
„Eine großartige Kontinuität in den
Grundsätzen der praktischeil Aesthetik reicht
voll den frühen Grabbailten des Orients
bis zum Pantheon der Kaiser Augustus
und Hadrian, voll diesenl zur Sophieu-
kirche und von hier wieder zum Straß-
burger Münster: sie alle haben das gleiche
Grundschema proportionaler Schönheit zur
Voraussetzung" >).

Dehios Untersuchungen richteten sich in
erster Lillie aus die Querschnitte,
erst in zweiter Linie auf die Systeme, in
dritter und untergeordneter Weise auf
die Grundrisse.

Seine Resultate sowohl als seine Me-
thode erfuhren Widerspruch, der aber u. E.
in der Hauptsache unbegründet ist. Dian
machte das Bedenken geltend: a) daß im
gleichseitigen Dreieck die Verhältnisse der
Höhe zllr Breite ein inkonlmensurables
Braß, eine irrationale Größe enthalte
(2: Vis oder 1:0,866 . . .). — Der Eiu-
lvand ist nicht stichhaltig. Er übersieht,
daß diese Verhältnisse nicht arithmetisch
ausgerechnet zu inerben brauchten, sondern
auf die denkbar einfachste Weise geome-
Irisch konstruiert werdeil konnten.

b) Ein sehr liachdrücklich und mit
einem gewissen Schein von Recht geltend
gemachter Eiuwand ging dahin, daß in
der Wahl der entscheidenden Eckpunkte
des Dreiecks bei Dehio Inkonsequenz zu
beobachten sei. Bald sei die Basis durch
eine innere lichte Breite gegeben, bald
sind Nischenausbauten, Umgänge, Seiten-
schiffe, selbst Türleibungen dazllgezogen.
Bald seien äußere Abmessungen mit in-
neren Höhen kombiniert, die überhaupt
au deir verschiedenartigsten Punkten ge-
wählt worden sind.

-) Ztschr. s. bild. Kunst, N. F. V (1894), 276.
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