Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 60
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Dehio konnte aber mit vollem Recht
entgegnen: „Die geforderte Konseqnenz
gehört allein dem mathematischen Gesetz
als solchem. Eine von Menschen er-
sonnene imb überlieferte Regel erweist ge-
rade darin ihre Lebensfähigkeit, daß sie
mit der Zeit elastischer gemacht und nm-
gestallet wird." . . . „Selbstverständlich
genügt es nicht, daß ein solches Verhält-
nis überhaupt vorhanderr sei, fonbern es
muß wahrscheinlich gemacht werden, daß
es ans Absicht beruhe." Als Kriterium
für diese Absichtlichkeit dieser Proportio-
nalität dienen Dehio die zwei Fragen:
1. Sind die Linien, welche sich als Um-
schreibung eines gleichseitigen Dreiecks dar-
stellen, von durchgreifender Wichtigkeit für
den Entwurf? 2. Wiederholen sich be-
stimnrte Kombinationen derart, daß die
betreffenden Denkmäler eine historisch zu-
sammenhängende Reihe bilden?

4. Allein die Versuche Dehios waren
weder so umfassend, daß man in der
Triangulation mittels des gleichseitigen
Dreiecks eine allgemeine Regel hätte fin-
den können, noch auch waren sie ans
Grundrisse und Bailsysteme oder die De-
tails konsequent dnrchgeführt aiigewandt
worden, beschränkten sich vielmehr im
wesentlichen ans die Durchschnittsfläche,
noch auch war das Messungsergebnis so
ganz glatt. — Daher war es wohl denk-
bar, daß Dehios Untersnchungen wohl
eine Wahrheit enthielten, aber nicht die
ganze Wahrheit, daß sie der Wahrheit
nahekamen, aber doch nur an einem
Punkte und zu einem Teile. P. Odilo
Wolfs war es, der schon seit langer
Zeit auf das verdoppelte gleichseitige
Dreieck oder — was dasselbe ist — (U$
Hexagramm im Meile hinwies, als
jenen Modulus, jene Grundproportiou,
die den alten und auch den nltchrisilichen
Sakralbauten zugrunde gelegt worden sei.
— Der Gedanke ist gelegeritlich — aber
ohne weitere Erfolge — schon früher anf-
getaucht: so hat schon Viollet le Dnc ge-
zeigt, daß der Plan der Rolnnde des
Temple in Paris (12. Jahrhundert) mit
Hilfe des Hexagramms konstruiert ist. —
Auch C. Mauß wies in der Revue
archeologique XII (1888) das Hexa-
gramm als Gruiidlage der Rotunde der
Grabeskirche zu Jerusalem nach. — Auch

Zeising hatte in seinen Aesthetischen
Studien (Stuttgart 1868) im Doppel-
dreieck oder Hexagramm ein ganz
wesentliches Element der for-
malen Aesthetik erkannt.

(Schluß folgt.)

Die Deutsche Kunstausstellung
Baden-Baden f9l5.

Besprochen von Prof. Or. Rohr, Straßburg.

Straßburg liegt znm Teil an der Jll,
zunr Teil am Rhein, und in der Vakanz —
sagt man — zum Teil in Baden-Baden.
In der Tat begrüßt die badische Bäder-
stadt nicht mir jedjährlich im Juni die
Professoren der Universitäten Freibnrg,
Heidelberg und Straßburg und der Tech-
nischen Hochschule Karlsruhe zu einem be-
haglichen Stelldichein in ihren Martern,
fonbern nimmt während der Ferien und
auch über die Sernestersonntage nianchen
Priester der Wissenschaft auf und hebt
oder minbert, was sich au Druck im Kopf
und Zucken und Zerren in ben Gliedern
und Gelenken zu sammeln droht oder ge-
sammelt hat, und so ist es dem modernen
Gelehrten der deutscher: Südwestecke so
traut geworden, wie den: Römer sein Bajä.
Die Eröffnung eirres Kunsttempels haben
wir schon vor Jahren irr diesem Organ
begrüßt, allerdings mit einem gelinden
Zweifel gegenüber ben weitgehenden ma-
teriellen Hoffnungen, die ihn schaffen halfen.
Dagegen ist der ideelle Wert gerade in
dieser Urngebnng hoch anzuschlagen. Zu-
sammen mit der anmutigen Umgebung
und ben musikalischen Darbietungen er-
schließt die Ausstellung eine Quelle edlen
Genusses, der zrl dem manchmal nieder-
drückenderr Anblick rrrenschlichen Elendes in
tausend Gestalten ein sehr angenehnres
Gegengewicht bietet und feine werbende
Kraft schon rrach krlrzer Zeit weit über
die Kreise eirrheirnischer Künstler hinaus
betätigt hat. Selbst die Elsässer Kunst
hat — für jeden Kenner der Verhältnisse
eine kühne Tat — den Schritt ä l’autre
cöte du Rhin gewagt, ohne freilich bis-
her sich durch ellie Gegeneinladung zu
revanchieren, — was ihr bereits übel
vermerkt wordetl ist —, von Karlsruhe
und Stuttgart, Düsseldorf und Dresden,
München und Dachau, Berlin und Königs-
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