Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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derb. Hoffentlich hat die Hängekonnnifsion
das mit möglichst weit geöffnetem Munde
weinende Baby nicht direkt nebenan ein-
gereiht, um ein Werturteil Über die Be-
weinung auzudeuleu. Eine weitere bib-
lische Szene ist Hans Meids Simson und
Delila. Sie ist in der vielfach beliebten
Weise behandelt. Von der Technik könnte
man, wenn auch mit einiger Einschränknng,
dasselbe sagen, was ein Kritiker vom
„Spiegeltanz" (Nr. 293, von A. Faure)
sagt: „Die schwülen Farben sind zu un-
klar." Dagegen würde man sich nicht
wundern, wenn Nr. 512 (von Ludwig
Detlniauti) statt „Sonnenstrahlen" etwa
„Die hl. Nacht" betitelt wäre. Es wäre
zwar kein Kirchenbild. Aber die anmutige
Frau, die vorn rechts mit dem Kinde sich
beschäftigt, der bescheidene Mann, der
weiter rückwärts kauert, die Engel, die
auf der Treppe im Dachraume sich sonnen
in dein eindringenden Lichtstrahl — all
das zusammen wäre immerhin viel eher
imstande, Weihnachtsstimmnngen ans-
zulösen, als die verwandle Darstellnng
v. Uhdes, und hat vor ihr außerdem eine
Virtuosität in der Behandlung des Hell-
dunkels voraus, die an Reinbrandt erinnert.
— Man möchte den beiden Kircheninterienrs
(Nr. 165, Hermanns Capelia palatina,
Palermo, und Nr. 376 Abteikirche in Amor-
bach) etwas davon wünschen. Wer von
Menzels Klosterkirche in Ettal herkommt,
dem will es bedünken, als wäre es zu
sehr aufs Detail, ans archäologische Treue
lind welliger auf den Wechsel von Licht
lind Schatten, Farben lind Funken abge-
sehen, der gerade derartigen Darstellungen
ihren besonderell Reiz verleiht.

Wie eS sich fast von selbst versteht bei
einer Kunst, die sich sozusagen im Schatten
des Schwarzwalds entwickelt hat, liehmen
die Landschaften einen lveiten Raum ein
lllld variieren in der Technik alle Zwischen-
stufen vom sorgfältigen Vertreiben der
Töne bis zrr einem Farbenauftrag, der
eher vom Stiel als vom Pinsel yerzn-
rühreil scheint. Wundern darf inan sich
ivohl, daß Trübner, der geborene Karls-
ruher, liichts ans der Heilnat, foitbern
eine Partie vom Starnberger See bietet.
Dagegen ist Nr. 533 (Einsamer Schwarz-
waldhof) voll Fritz Reiß so recht ein
Ausschnitt aus der feiertäglichen Stille

und schlichten Schönheit der Heinlatberge.
Ebenso schlicht und trotzdem noch wirk-
samer lnntet Toni Stadlers „Erdinger
Moos" (Nr. 364) an.

Nicht minder annultig sind Hasemanns
Genrebilder. Ist es auch immer wieder
der Schwarzwald, dem er sie entnimmt,
so weiß er ihnen doch jedesmal eineil in-
dividnellell Reiz zu geben. Die Biederkeit
und Bescheidenheit der Schwarzwaldkinder
paßt so recht zur unaufdringlichen AniUllt
der Schwarzwaldhänser (vgl. Nr. 455
„Spilliieriil", 526 „Im Herrgottswinkel").
In ein anderes Milieu versetzt Müller-
Dachall mit seiner „Bäuerin tut roten
Kleid" (Nr. 594). Das Bild zeigt vor
allem, lvie trefflich die bunt geblümten
Bauernmöbel und die in kräftigen Farben
gehaltene Bauerntracht zusanlilleltstimmen
— und läßt umgekehrt ahllen, wie sich so
eine alte Truhe in einem mobernen Woha-
raum unter modern gekleideten Menschen
ansnehlnell lnag.

Volt jeher hat sich wachsender Wohlstand
in einem Aufschwung der Porträtkunst
bekundet. Auch in Baden-Baden ist sie
zahlreich vertreten und zeigt dasselbe Bild,
wie bei der Lalldschaft. Von Grimms
„Selbstporträt als Soldat" (Nr. 418)
sagt ein Kritiker, er habe „sich selbst ver-
ulkt". Es ist aber lloch „Ulkigeres" vor-
handen. Naiilentlich macht sich eine pein-
liche Vorliebe für rote Gesichtsfarbe geltend.
Oder ist der Sitzung zum Porträtieren
jeweils eine „Sitzung" mit dem köstlichen
Affentaler Roteil vorausgegangen? Den
gläsernen Augen nach zu schließen, die da
ulid dort blöde ins Blaue Hineinklotzen,
könnte matt beinahe Verdacht schöpfen.
Doch häufen sich mehr ltitb mehr die
Porträte, die einer ephemeren Liebhaberei
keinen Tribut bezahlt haben und auch
späteren Geschlechtern noch verständlich
sein werden. Unter ihnen ist auch das
Sr. Exzellenz des Herrn Erzbischofs Nörber
zu nennen. Non hier ans vollzieht sich
llngezwnngen der Uebergang zlliil Glanz-
punkt der diesjährigen Veranstaltung, zu
Hans Thoma.

Der Eindruck des Hin- und Hergezerrt-
werdens zwischen all den Extremen moderner
Kunstübnng beim Rundgang durch die
Ausstellungsräume macht dem Gefühle an-
heimelnden und beruhigenden Behagens
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