Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 63
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Platz, wenn der Fuß über die Schwelle
von Saal IV tritt. Hier breiten sich die
Werke von Dr. Hans Thoma aus. Es
ist, als wollte Steinhansen das Geleit in
den Raum geben. Seine Büste von Artur
v. Volkmanu flankiert die eine Türe
und weckt die Erinnerung an eine Kunst-
art, die auf ähnlichen Pfaden wandelt,
wie Thonra. Es gelang, insgesamt 53
Nnnnneru zusanlmenznbringen. Sie um-
fassen die Zeit von 1858 bis 1912, also
mehr denn ein halbes Jahrhundert. Was
hat sich seit dem Ende der fünfziger Jahre
des vorigen Jahrhunderts in Kunst nicht
alles gewandelt! War es nicht die Hetze
von einem Extrem ins andere? Welche
Ueberraschungeu und wieviel Disharmonie
brächte nicht eine Halbjahrhundertaus-
stelluug! Piloty, Feuerbach, Böckliu,
Menzel, Gebhardt, Kaulbach, Lenbach,
Leibl, Liebermann, Coriuth! Hier da-
gegen etwas Einheitliches, Stetiges, Aus-
geglichenes dnrch volle vieruudfünfzig Jahre,
stetig, obgleich der Künstler bis zu seinem
einnndfünfzigsteu Jahre so gut wie keine
Beachtung fand, also znnl Umlernen ge-
radezu gezwungen schien. Ec hat im
wesentlichen nicht umgelernt, sondern sich
getröstet mit der Gewißheit: „Meine Zeit
kommt auch noch." Und sie kam, wenn
auch spät. Heute ist er Professor, Direktor,
Ehrendoktor der Universität Heidelberg,
Ehrenrnitglied mehrerer Akademien, In-
haber mehrerer Medaillen und Orden rc.,
und ist sich trotzdem in seiner Kunst wie
seinein innern Menschen nach gleich und
treu geblieben. Ganz spurlos ist ja freilich
die Zeit auch an i§m nicht vorübergegangen.
Man merkt an den Werken seit 1869,
daß er in Düsseldorf und Paris, an denen
seit 1874, daß er in Italien, an denen
seit dem Ende der Siebzigerjahre, daß
er mit Marees Anffassnng bekannt ge-
worden war. Und doch zeigen schon die
ersten landschaftlichen Versuche dasselbe
feine Naturgesühl wie die letzten, und
doch künden die Porträte ans der früheren
wie aus der späteren Zeit denselben scharfen
Blick für den Charakter der Persönlichkeit,
und doch atmen die religiösen Bilder aus
denr Ende des vorigen Jahrhunderts wie
aus beu allerletzten Jahren dieselbe An-
mut, Innigkeit und Tiefe. Nur die letzteren
haben Anspruch ans eine Würdigung in

einem Organ für christliche Kunst. Es
sind in chronologischer Ordnung Nr. 18
Die Versuchung auf denr Berge (1890),
Nr. 24 Christus mtb Petrus (1906), Nr. 27
S. Margareta mit dem Drachen (1907),
Nr. 28 Die hl. Familie (1907), Nr. 29
Kreuzigung (1909), Nr. 35 St. Georg
mit dem Drachen (1912) und die Aquarelle
Nr. 42 Adam und Eva (1894), Nr. 45
Ruhe auf der Flucht (1895), Nr. 46
Christophorus (1896). Ihnen allen ist
gemeinsam eine geschickte, wohlabgewogene
Komposition, eine fein empfundene Aus-
wahl und Angleichnng der Farben, ein
Reichtnnl des Ausdrucks bei allem Maß-
halten in der Wahl der Mittel, eine liebe-
volle Freude am Kleinen ohne Kleinlichkeit
und bei vollem Verständnis für die reale
Wirklichkeit und oie Dinge dieser Welt,
eine Weihe und Tiefe des Gemüts, die
beim Betrachter ähnliche Stimmungen
weckt. Es fehlt die holde Anmut der
Präraffaeliten, der hohe Schwung der
klassischen Kunst der Renaissance, und
doch reden die Werke zum Gemüte. Sie
sind ans der Tiefe des Gemütes ent-
sprungen und wirken auf dasselbe zurück.
Es liegt in ihnen etwas von der Ruhe
uub Innigkeit Dürers. Es ist deutsche
Kunst.

Lilerular.

Katholische Volksbibel. Ilebersetzt
und ausgewählt von Or. Alfons Heil-
mann. Mit Bckderu von Professor G.
Füget. Buchschmuck von K. Köster. Mit
oberhirtlicher Druckerlaubnis. Kempten
(Kösel) 1912. — Preis 16 M. 50 Pf.
Der Herausgeber hat sich mit diesem Werk um
die Hebung einer gesunden, religiösen Lektüre
für das katholische Volk ein wirkliches Verdienst
erworben. Er hat — mit Auswahl — die
Heilige Schrift übersetzt und den Stoff unter
sachlichen Einteilungen (unter Weglassung der
üblichen Kapitel- und Verseinteilung) dargeboten.
Wir hätten es gern gesehen, wenn der Nachweis
der Verse mit hereingenommen worden wäre.
Vollständig aufgenouimen sind die Psalmen und
das Neue Testainent. — lieber die Uebersetzung
haben wir hier kein Urteil abzugeben.

Uniso nachdrücklicher möchten wir auf die künst-
lerische Ausstattung des von der Verlagsbuch-
handlung sehr würdig und vornehm hergerichteten
Werkes Hinweisen. Neben dem gefälligen Buch-
schmuck, den Köster für das Titelblatt, die Vor-
blätter und für die Psalmen (obere Zierleiste)
geliefert hat, sind als Bildschmuck die biblischen
Bilder von Fugel aufgenommen wordeir in den
- farbigen Reproduktionen, die den Lesern des
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