Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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merkt, daß sich ein ähnlicher Stein auch
in Murrhardt befinde. Inzwischen glaube
ich einen dritten solchen Gewölbeschluß-
stein beobachtet zn haben, und zwar in
einem Seitenschiff der St. Georgskirche
zu Hagenau im Elsaß. Dabei legte sich
mir der Gedanke nahe, daß es sich bei
der fraglichen Darstellung doch am Ende
um die heilige Dreifaltigkeit handeln könnte.

Bei Besprechung der St. Aegidiuskirche
in Neustadt a. d. H. erwähnt Mone auch
verschiedene Schlußsteine und nennt dabei
einen, welcher die Sonne, uub einen an-
deren, welcher den Mond zeigt, und zwar
am Gewölbe der Vorhalle. Diese so ver-
schiedenartig gedeuteten Emblenie, sagt er,
finden sich bekanntlich sehr häufig und
gewöhnlich beim sogenannten Kanonbilde,
das heißt bei der bildlichen Darstellung
Christi anl Kreuze, an dessen Fuß Maria
und Johannes der Evangelist stehen. Als
heraldische Abkürzung oder als Symbol
des Kanonbildes erscheint im ganzen Mit-
telalter das Veronikabild, oder die facies
salvatoris, oder das Abgarbild. Des-
halb darf nlan auch ohne Bedenken be-
haupten, daß an der Stelle, wo im
15. Jahrhundert der Venniugische Wappen-
schild angebracht wurde (zwischen Sonne
und Mond), sich beim Ban der Vorhalle
nach dein ursprünglichen Entwürfe das
Antlitz Christi befand. Sirrd wirklich in
Kirchen Sonne und Mond mit Wolken-
rand neben dem Veronikabild beobachtet
worden? (Effringen, OA. Nagold —
Sonne und Christuskops?)

In der Brnnnenkapelle zu Blauberrren
enthält der mittlere, noch erhaltene Schluß-
stein das Bild Gott Vaters mit der In-
schrift : Hic est filius meus dilectus
in quo mihi bene complacui (Adler
in Maulbronn; sonst gerne Johannes
der Täufer, rvelcher möglicherweise in
Blanbenren auch noch angebracht war).

lieber die alten Gewölbeschlußsteine der
Kiliauskirche in Heilbronn hat I)r. Bil-
finger ein eigenes Schristchen heraus-
gegeben, in welchent 20 bezw. 21 Steine
abgebildet sind. Dieselben, ans Gips ge-
formt (Seißen, OA. Blanbenren, hat
Schlußsteine aits Terrakotta), stellen im
allgemeinen die Wappen und Insignien
der Obrigkeit der freien Reichsstadt Heil-
bronn im Jahre 1580 dar, und haben

mehr lokalgeschichtliche Bedentllng. Jn-
desserr wird auch der Fremde ait den schön
gearbeiteten Wappen seine Freude haben
und nicht ohne besonderes Interesse be-
achten, wie die einzelnen Namen der Nats-
herreit in den Wappen verwertet find
(Sprechende Wappen).

Die Kirche in Michelfeld, OA. Hall,
weist in ihrenl Chor (Turm) einen eigen-
tümlicheu napfartigen Schlußstein ans,
einen Schlußstein mit einern Zapfen. Mit
ihm dürften einige Aehnlichkeit haben die
hängenden Schlußsteine in beit beiden
letzten Jochen der Viklorskirche in Xanten.

Ist- im Straßburger Münster auf dein
Schlußstein vor dem Chor nicht eine Art
Medusenhaupt zu sehen?

Sind nicht bisweilen die über die
Grundform eines Schlußsteins hinaus-
greifenden, den Schlußstein überragenden
Ornamente als eine Art Helmzier zu
betrachten?

Beissel hebt öfters hervor, daß die
Kosten für die Bemalnng der Schlußsteine
zn Xanten hinter denen für die Vildhaner-
arbeit nicht weit zurückgeblieben sind. Läßt
sich auch anderwärts eine ähnliche Be-
obachtung machen und so ein Beweis er-
bringen dafür, welch großes Gewicht man
ans eine sorgfältige, künstlerische Be-
malnng der Steine gelegt hat?

Blanche Gewölbe von größeren Kirchen
sind mit Schlußsteinen übersät, wie das
Himmelsgewölbe mit Sternen, und wenn
man zu ihnen emporblickt, hat man öfters
den Eindruck, als ob Stein an Stein,
oder Bild an Bild planlos aneinander-
gereiht seien. Diesem Eindruck nrag dann
und wann die Wirklichkeit entsprechen,
allein solche Regellosigkeit ist wirklich nicht
die Regel. Wir haben schon früher ein
Gesetz kennen gelernt, welches vielfach die
Aufeinanderfolge der Figuren bestimmt,
so daß znm Beispiel ans das Bild Christi
oder der Madonna der Kirchenpatron
folgt, hierauf ein Nebenpatron, und zmn
Schluß der weltliche Patron. Daneben
läßt sich aber auch noch anderes feststellen,
und ich möchte fast sagen: Wie man von
Sternbildern spricht, so könnte man auch
bei den Schlußsteinen bisweilen von Stein-
bildern oder Steingruppen reden, welche
von Einer großen Idee durchleuchtet und
erhellt sind.
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