Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 75
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von Endres als Grundlage der Gliederung des
Themas angenommen, das Dürer 1514 in den
beiden Stichen „Hieronymus im Gehäuse" und
„Melancholie" durchführte.

Der Deutungsversuch von Endres schließt
an den von Paul Weber an, der bereits
die Beigaben der Melancholie auf die artes
liberales bezogen hatte. Er berichtigt und er-
gänzt ihn aber in den Einzelheiten, führt ihn
weiter und stellt ihn int ganzen auf eine andere
Grundlage.

„Die Melancholie ist nach Endres der Menschen-
geist (mens humana) in seinem Streben nach
Wahrheit und damit nach dem Glücke. Und zwar
hat ihn Dürer dargestellt auf der höchsten Stufe,
auf die er sich aus eigener Kraft durch „exakte
Forschung" und das Mittel mathematischer Sym-
bole zu erheben vermag, auf der Stufe der In-
tuition des Unendlichen. Das Beiwerk, das Dürer
der Hauptfigur zuteilt und das er in ihrer Um-
gebung aufweist, dient alles nur dazu, diese eine
Idee zu verdeutlichen und zu entwickeln" (S. 13).
„In dem Buch „de mente" ist die Deutung der
Hauptfigur auf dem Stiche der Melancholie
in ihren wesentlichen Zügen, ist die Deutung des
ganzen Bildes in seinen allgemeinen Gedanken
gegeben" (S. 14). — Endres gibt dann, unter
stetem Hiuweis auf die entsprechenden Belege bei
Nikolaus v. Kusa, die überaus beziehungsreiche
Einzeldeutung der Attribute.

Zwar bemerkt er (S. 7) selbst über die Stringenz
seiner Ausführungen: „Alle derartigen Beweis-
versuche, dessen bleibe ich mir beivußt, können
freilich nur in größere oder geringere Wahr-
scheinlichkeit ausmünden. Ein stringenter Beiveis
wäre nur möglich durch die Auffindung einer
authentischen und bestimmten Nachricht, daß Dürer
die Absicht hatte, kusanische Gedanken mit dem
Grabstichel iviederzugeben." — Die Begründung
der Endresschen These hat einen so hohen Grad
von Wahrscheinlichkeit, daß man nicht zu weit
geht in der Annahme: „Der Schlüssel des
B e r st ä n d n i s s e s d e r b e i d e n D ü r e r s ch e ir
Stiche Ai e l a it ch o l i e und Hieronymus
iin Gehäuse ist gefunden." — Es wäre
nun noch interessant zu untersuchen, ob auch alle
Einzelheiten der Darstellung des Hieronymus in
gleicher Weise ihre Grundlagen in einzelnen Hin-
weisen der lusanischen Schriften besitzen.

Die hochiitterefsante Arbeit ist als eine wert-
volle Bereicherung der Dürerforschung zu be-
zeichnen, die das Interesse aller Kunsthistoriker
int höchsten Maße verdient.

Tübingen. Prof. Dr. Ludwig Baur.

TheoriedesKirchenbausvomStnnd-
Punkt des Kirchenmusikers und
desReduers mit einer Glockenfunbe
in ihrer Beziehung zum Kirchenban, mit
14 Abbildungen nild zwei Tabellen voll
I o h a n n e s B i e h l e, Kirchenmusikdirektor
in Bantzen. A. Ziemsen Verlag, Witten-
berg 1913. 123 S., geb. 3 M.

Obwohl ausschließlich vom Standpunkt des
protestantischen Kirchenmusikers und speziell für
protestantische Verhältnisse geschrieben, enthält
vorliegendes Werk manche beachtenswerte Winke

auch für den katholischen Kirchenbau. War
man bisher gewohnt, es ganz der Kunst des
Orgelbauers zu überlassen, in die bereits fertig
gebaute Kirche eine Orgel einzllbauen, die den
individuellen Verhältnissen der Kirche sich an-
passen sollte, so macht der Verfasser in seinem
Buche den Vorschlag, der Bauherr solle vor
dem Beginn des Kirchenbaus nicht nur all-
gemeine Gesichtspunkte, sondern ein genau durch-
dachtes Programm aufstellen und namentlich
auch den Platz für Orgel und Sängerchor von
Anfang an genau in den Plan der Kirche
aufnehmen. Würde dieser Vorschlag bei jedein
Kirchenbau durchgeführt, dann hätten wir Uns
nicht so häufig über schlechte Akustik in unjerü
Kirchen zu beklagen. Es ist nicht zu leugnen,
daß der Platz für die Orgel und den Sängerchor
auch in katholischen Kirchen vielfach nicht günstig
und genügend ist. Ob die Vorschläge des Ver-
fassers bezüglich der Aufstellung der Orgel und
des Sängerchors speziell in der evangelischen
Kirche richtig und praktisch durchführbar sind,
darüber steht mir kein Urteil zu. Für unsere katho-
lischen Kirchen aber würde ich es begrüßen, wenn
künftig mehr Rücksicht genommen werden könnte
auf die richtige Ausivahl des Ortes, an dem die
Orgel und der Sängerchor aufgestellt werden
sollen. Sicherlich wird durch die bisher in den
meisten Kirchen übliche Stellung der Orgel und
des Sängerchores möglichst weit hinten in der
Kirche durch die große räumliche Entfernung vom
Altar der so notwendige Kontakt zwischen Zele-
brans lind Chor sehr beeinträchtigt, ganz abge-
sehen von der schlechteil Akustik, die dadurch oft
vermrsacht wird. Jedenfalls muß gefordert wer-
den, daß der Orgelbauer ganz gewissenhaft die
Räumlichkeiten einer Kirche berücksichtigt uild nicht
nur nach der Schablone fabrikmäßig die Register
in die Orgel einbaut, gleichviel, ob sie für die
betreffende Kirche passen oder nicht. Das Werk
von Biehle enthält für diese Materie beherzigens-
werte Gedanken und ist daher jedem, der mit
Kirchenbauten zu tun hat, zum Studium zu
empfehlen.

T ü b i n g e il.

Musikrepetent O t t e n w ä l d e r.

Der St. GaIler Folchart-Psalter.
Eine Jnitialenstlidie von Franz Lands-

b erg er, Privatdozent an der Universität

Breslau. Iin Auftrag des historischen
Vereins des Kantons St. Gallen. St.
Galleil (Fehr) 1912. Gr. Folio. 51 S.
Preis gebd. 24 M.

Vor klirzem hat Adolf M ertön in einer
tüchtigen Dissertation: „Die Buchmalerei des
9. Jahrhunderts in St. Gallen" (Halle 1911), die
meisten karolingischen Handschrifteil beschrieben
und gruppiert. Er ließ bald die große Publi-
kation folgen: „Die Buchmalerei in St. Gallen
vom 9. bis 11. Jahrhundert". 100 Tafeln. Leip-
zig (Hierscmann) 1912. An diese Arbeit schließt
sich die vorliegende Spezialuntersuchung an, führt
aber weiter, insofern der Verfasser den Haupt-
nachdruck legt auf die formale Analyse der ein-
zelnen Jnitialenstile und ihre feste Verknüpfung
zu einer Entwicklungsreihe. Er will den Nach-
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