Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 77
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Tempelmaße.

Von Prof. Dr. L. Barir, Tübingen.

(Schluß.)

p. Wolfs unternimmt es nun, den
Nachweis zu liefern, daß eben dieses gleich-
seitige Dreieck, bezw. das Hexagramm
im Kreise, den Schlüssel liefert zu den
Maßen der klassischen Bauten des Alter-
tums; daß sich ferner dieses Maßgesetz
noch ins späte Mittelalter hinein erhalten
hat in den Bauten der romanischen Stil-
periode, sich aber von der gotischen Bau-
weise an verlor und der Vergessenheit an-
heimfiel. Seinen Berechnungen liegen zu-
grunde: 26 griechische und römische, 6
ägyptische Sakralbauten, 9 altchristlich-
römische Basiliken, 17 christliche Kirchen
der romanischen Banperiode, an die sich
noch anhangweise das Ergebnis der neuesten
Forschungen des P. Odilo Wolfs über
das Proportionsgesetz des Tenrpels von
Jerusalem schließt J).

Nun ist klar, daß es für das ganze
Resultat von entscheidender Bedeutung ist,
genaue und einheitlich methodisch gewonnene
Bestimmungen der Grunduraße der Bau-
werke zu besitzen. ?. Odilo Wolff stützt
sich zwar ans die besten Werke, aber deren
Maßangaben sind nicht einhellig und nicht
in allmeg exakt, weil eben der ruinöse
Zustand der antiken Tempel die Messung
außerordentlich erschwert. Darin liegt

') Soeben veröffentlicht P. Odilo Wolfs eine
Detailuutersuchuug über die Verwendung des
Hexagramms als Proportionseinheit der alten
Konstantinischen Basilika von St. Peter in Nom,
die seine Annahmen aufs glänzendste bestätigt.
Röm. Quartalschr. XXVII (1913), 1 ff.

eine gewisse, von P. Odilo Wolff selbst
gefühlte Schwierigkeit. Allein die Ab-
weichungen gehen doch nicht allzu weit; sie
betragen meist nur einige Zentimeter, was
bei solchen Bauwerken nicht viel besagen
will. So hat es kein Bedenken, sie zur
Grundlage der Untersuchilng zu nehmen.
Zur Kontrolle stellt P. Wolfs die von
den Gebäuden abgenommenen Maße neben-
einander und vergleicht sie mit den Maßen,
die er selbst herausgerechnet hat unter
Anwendung des Hexagramms. Das Re-
sultat ist überraschend: kaum da und dort
eine (im übrigen erklärbare) Differenz,
sonst eine Uebereinstinnnnng bis ans den
Zentinleter. Das ist ein Beweis für die
Nichtigkeit seiner Voraussetzung. Ein zweites
wichtiges Erfordernis für eine derartige
Untersuchung ist, daß die Grundrisse (evt.
auch die Aufrisse) sich so in die Hexa-
grammkonstruktionen einfügeu, daß die
Hauptpunkte des Baues sich mit den Hanpt-
schnittpunkten der Hexagrammkonstruktion
decken, oder durch sie leicht gegeben sind.
Die Zeichnungen ergeben das durchaus.
Ein Drittes kommt bestätigeild hinzu:
Dian hat gegen die Annahme eines mathe-
matisch festen Proportionsgesetzes einge-
wendet, ein solches würde die vielen
Variabilitäten nicht verständlich erscheinen
lassen. Allein schon Reichensperger
hat mit vollem Recht bemerkt: „Die Ein-
fachheit der großen geometrischen Elemente
und die Vielfältigkeit ihrer Kombinationen
eröffnet in sich eine unendliche, die Keime
eines ewig jungen und ewig neuen Knnst-
lebens in sich tragende Mannigfaltigkeit" ').

lj O. Wolff, Tempelmaße 63.
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