Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 85
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Unsere Aufgaben
gegenüber der kirchlichen Kuttft1).

Von Prof. Dr. L. Bau r.

In einer beachtenswerten grundsätzlichen
und programmatischen Abhandlung (Zeit-
schrift für christliche Knust 1913, Heft
1 und 2) behandelt der Kölner Konser-
vator am Schnütgen-Mnseum, Dr. Witte,
unsere Aufgaben gegenüber der kirchlichen
Kunst. Wir können an den bedeutsamen
aktuellen Ausführungen nicht mit Still-
schweigen vorübergehen, weil wir selbst
schon wiederholt Anlaß genommen haben,
dem Problem, das in der Tat besteht,
lläher zu treten und zu eiuer wohlbe-
gründeteu Stellungnahme zu gelangen.
Andererseits stammen die erwähnten Er-
örterungen ans der Feder eines Mannes,
der als Konservator und Kenner der
christlichen Kunst ein Wort hat, das in
weiten Kreisen gehört werden wird.
Dazu kommt, daß es für uns alle von
Bedeutung ist, in welchem Geiste eine
alte, hochgeschätzte, in Fragen der kirch-
lichen Kunst im allgeineinen konservativ
geleitete katholische Kunstzeitschrift zu
einer brennenden Gegenwartsfrage sich
stellt. Und endlich sind es neben vielem,
dem wir durchaus zustinuneu können,
manche Punkte, an denen wir unsere
Zweifel, unsere kritische Reserve, oder
unsere ablehnende Stellung dem Verfasser
gegenüber darlegen oder eine präzisere

‘) Unsere Aufgaben. Ein offenes Wort
über die kirchliche Kunst an Klerus und Laien
von Or. Fritz Witte. Zeitschr. f. christl. Kunst
26 (1913) Heft 1 u. 2. Düsseldorf (Schwann).
Preis 2 Mark.

und klarere Fassilng und Umgrenzung
seiner Forderungen wünschen möchten.

I.

Wir beginnen zunächst mit einer Dar-
legung der allgemeinen Gedankengänge
des Verfassers. Er geht aus von einem
Rückblick ans die gegenwärtige Lage und
die geschichtlichen Faktoren, die zit ihr
geführt haben. — Er konstatiert zunächst:
„Das Gebiet der Kirchenkunst, einstmals
jahrhundertelang ein Welt- und Kaiser-
reich bildend, dessen Grenzpfähle unmittel-
bar neben denen der Zivilisation über-
haupt standen, seine Grenzen sind heute
nicht etwa eingezogeu, aber der kirch-
lichen Kunst scheint die Kaiserkrone vom
Haupte gefallen; war sie früher Mutter
und Herrin der Kunst überhaupt, das
undankbare Kind stellt heute gar die
Frage nach der Existenzberechtigung seiner
Gebärerin, die nur noch geduldet, aber
nicht mehr als Führerin anerkannt wird"
(Sp. 6). Dr. Witte ist der Meinung,
daß der Gründe für diese Erscheinungen l)
mannigfaltige seien. Er macht dafür
zwei besonders namhaft: „sie liegen ein-
mal in dieser der Kirche dienendeil Kunst
selbst; wir haben sie aber auch außerhalb
derselben in der modernen Lebensart und
sagen wir meinetwegen Weltauschari-
ll n g zu suchen" (Sp. 6). Er verweist auf die

*j Der Verfasser spricht nicht ganz klar von
Gründen . . „zu dieser neuen Eingliederung
der kirchlichen Kunst in das moderne Kultur-
gebäude". — Da vorher von nichts anderem
die Rede ist, so muß wohl unter dieser etwas
vollen Phrase in befremdender Wendung „die
Stellung der Frage der Existenzberechtigung"
gemeint sein.
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