Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 87
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so wird sie stets ihrer Aufgaben sich
bewußt bleiben und die Grenzen nicht
übersehen, die ihr nun einmal gezogen
sind durch ihre Aufgaben." — Welch
herrliches Künstlerprogramin hat sich die
Nazarenerschule gestellt! Man braucht
nur einmal die Schriften des edlen
I. v. Führich dnrchznsehen, um zu er-
kennen, wie lebendig in ihnen das
katholische Bewußtsein wirkte und ihre
Kunst beflügelte. Nie sollte von bem
katholischen Künstler das herrliche Wort
Overbecks vergessen werden: „Mir ist die
Kunst gleichsanl eine Harfe, darauf ich
allezeit Psalmen möchte ertönen lassen
zum Lobe des Herrn." Z

‘) Dr. Witte wieverholt hier eine von
ihm schon einmal anderwärt? voegetragene, von
Hofrat Or. Finke zur.ickgewiesene Behauptung:
„Alls der romantischen, religiös hochgespannten
Stim.vung dieser Schule erwuchs — man
leugnet es e>vig vergebens — eine Entfremdung
zwischen zivei Schwestern, die bislang durchweg
Hand in Hand durch die Geschichte geschritten
ivaren: zwischen der profanen nnb der religiösen
und speziell kirchlichen Kunst zum >veuigsten in
der Malerei/' — Diese Behauptung steht iat
Widerspruch mit der Geschichte — „man leugnet
es eivig vergebens". — Die Entfremdung
zwischen religiöser und profaner Kunst hat ganz
anoere Ursachen, als die „religiös hochgespannte
Stiuimung" der Rouiantiker. Sie hat ihren
Ursprung in deir frivolen Ausartungen der
Renuissancemalerei uird ihrer Ausläufer einer-
seits und in der Opposition des Protestantismus
gegen die religiöse Kunst andererseits. Bon
Holland ist dieser Gegeirsatz ausgegangen,
nicht ar>s religiöser Hochspannung, soirderir a>rs
ihrem Gegenieil ist er im Prinzip hervor-
gewnchsen. — Es ist doch auch wahr, daß gerade
die bedeuiruderen Romantiker keineswegs aus-
schließlich religiöse Stoffe geuialt haben, sondern
auch den profanen, vor allein aris der deutscheir
Sage ihr Könneir zuwandten.

Und wenn dem so iväre! Folgte etiva, daß
die „religiöse Hochspannung" aufgegeben weroen
mußte, um den Beifall einer religiös überhaiipt
nicht „gespannten" ungläubigen Gesellschaft zu
erbettelnV Das wahrhaft gläubige katholische
Bolk liebt und schätzt auch heute noch die reli-
giösen Bilder der Nazarener, und es hat recht.

Der Verfasser fügt hinzu: „Man glaubte (in
der Romantik) zunächst das Inhaltliche in der
Kunst betonen zu müssen, und vornehmlich die
kirchlichen Künstler stellten die Frage nach deni
Was der nach deni Wie voran." — Er gibt
zu, daß die religiöse Kunst allerdings nicht eben
sich selbst Zweck sein soll, so wie sie auch ihrer
Ausgaben sich bewußt bleiben und die Grenzen
nicht übersehen soll, die ihr mm einmal durch
ihre Ausgaben gezogen sind.

Ich glaube, daß die Nazarener ganz recht daran
taten, das Inhaltliche sehr stark zu betonen.

| Witte ist nun bezüglich der Architektur
der Meinung, daß die Anlehnung an die
alten Stile, daß speziell das Wiederanf-
lebeki der Gotik eine historische Not-
wendigkeit war, um die Kunst in der
Kirche und darüber hinaus zur Besin-
nung zu bringen, um ihr durch Stildinm,
Kritik und Versuche die Grundgesetze
wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Der Verfasser anerkennt auch: „die
Tatsache, daß der Renaissancestil, danach
der romanische, und im Gefolge auch
die meisten anderen lioch einmal Revue
passieren mußten, beweist ebensowohl
den Mangel eines eigeneil Zeitstiles
wie das Suchen nach einem Anknüpsnngs-
pnnkte, nnl wieder zll persönlichem
Fortschritt zu kommen. Wir sind ja,
ehrlich gestanden, heute noch auf der Suche
begriffen."

Dagegell setzt der Verfasser beit Nen-
gotikern aufs Konto, daß sie die kirch-
liche Knilst der Verknöcherung entgegen-
führteu . . . „indem sie in dem Glauben,
kein anderer Stil habe mit gleicher Kon-
sequenz ästhetische Grundgesetze gepflegt,
den Gedanken an die Möglichkeit eines
neuen „Zeitstiles" nicht einmal auf-
kommen ließen" (15 f.).

Die Folgen seien gewesen, daß die
formalen Eigentümlichkeiten eines Stils

und daß es gerade der Fehler nicht weniger
moverner Künstler auf. religiösem Gebiete ist,
daß sie zu wenig vom Inhalt ausgeheu und
voll ihm ersaßt werden. Ich befinde mich mit
dieser Ansicht in guter Gesellschaft: Goethe
wenigstens sagt (Gespr. Eckermanns 1823.
Nov. 3): „W a s i st auch w i ch t i g e r als die
G e g e nst äild e, und was ist die ganze Knnst-
lehre ohne sie! Alles Talent ist verschwendet,
ivenn der Gegenstand nichts taugt, ltnd eben
w-il dem neueren Künstler die würdigen Gegen-
stände fehlen, so hapert es auch so mit aller
Kunst der neueren Zeit , . . Die wenigsten
Künstler sind über dieseil Punkt im klaren und
wissen, was ihnen zuin Frieden dient."

Ich bin der Meinung, daß heutzutage kein
Anlaß ist, besonders zu betonen, wie verfehlt es
doch von den Nazarenern nnb Romantikern ge-
ineien sei, das Inhaltliche in der Kunst zunächst
betont zu haben. Ich bin vielniehr der Ueber-
zengung, daß man heute allen Anlaß hätte zu
sagen, daß für ben christlichen Künstler das
Inhaltliche als höchst bedeutsam z u n ä ch st betont
iverden müsse, und daß der Künstler durchaus
bei seinen Konzeptionen zuerst das Inhalt-
liche nach allen Leiten (historisch, dogmatisch,
liturgisch) dnrchgearbeitet und durchmeditiert
haben müsse, ehe er ans Werk geht.
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