Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 88
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als die Hauptsache betrachtet worden seien;
als die tüchtigsten Künstler haben diejenigen
gegolten, die es in den gotischen Krabben-,
Blumen-, Ranken-, Maßwerknachbildnngen
zu einer ganz kahlen, leblosen Virtuosität
gebracht hatten. „Das ließ man viel-
fach außer acht, daß jedes Detail des
Schmuckes aus der Konstruktion heraus-
gewachsen, mit ihr verwachsen unb eins
sein und daß es vornehmlich aus dem
Gedanken der Zweckbestinunung hervor-
gehen müsse."

Daß dem heute noch so sei, das be-
kunden die sogen, kirchlichen Künstler,
bezw. Knnstanstalten, die in den Tages-
blättern selbstbewußt versichern, daß sie
bereit und imstande seien, „in jeder ge-
wünschten Stilart" die Kirchen auszu-
schmücken.

Der Wunsch des Verfassers geht dann
dahin, daß in der Zukunft das per-
sönliche Element des Architekten —
auch wenn er au alte Stile sich anlehnt —
so stark zum Worte komme, daß man
nicht mehr von Kopie reden könne. —
An den gegebenen Beispielen rühmt er
„die absolut persönliche Note, die bewußte
Entfernung von irgend einer Vorlage".
Als Ideal schwebt ihm ein „selbständiger,
persönlicher Zeitstil" vor. Er will, daß unsere
Künstler sich nicht damit begnügen sollen,
alte Stile zu verarbeiten. „Wir wollen
endlich reife, veredelte Früchte sehen,
den Fortschritt, die Nähe des durch
Studium und Arbeit gewonnenen Zeil-
stiles" (18). Er vernüßt in den Arbeiten
der aus den 80er mtb 90er Jahren stam-
menden, nach Rezepten fabrizierenden Künst-
lerkaste Selbständigkeit und Originalität,
tadelt das Entstehen von „Fabriken für
Kirchenkunst", die mit Reisenden und
Maschinen arbeiten.

So weit gehen die allgemeinen von
Dr. Witte gemachten Ausführungen. Ich
glaube sie richtig wiedergegeben zu haben.
— Auf weite Strecken können wir bem
gelehrten Kenner der kirchlichen Kunst
beipflichten. Auch wir vertraten bisher
den Standpunkt: Nicht gewaltsanre Bin-
dung an eine historische Stilform, sondern
Freiheit für selbständige Anlehnung an
historische Stile, oder — unter bestimmten
Bedingungen — Versuche, gemäß neuen
Techniken neue, aus diesen herausge-

wachsene Formen zu finden: aber nicht
Neues ä tout prix, sondern nur da,
wo es durch seinen ästhetischen Wert
und durch die Erfüllung der kirchlichen
Vorschriften sich legitimiert.

(Fortsetzung folgt.)

Oolkstümliche religiöse Runst.

Von Dr. Max S ch er man n.

1. Alte Glasbilder.

In meinein kleinen Hausmnseum hängen
gegen 120 „Glasbilder". In den Gegen-
den des Frankenlandes, im schwäbischen
Oberland, in Tiroler und bayerischen
Gauen zierten sie ehedenl Kammern nnb
Stuben als häufigster Schmuck. Man
hat diesen Betätigungen volkstümlicher
Kunst ob ihrer primitiven Erscheinungen
bislang wenig Beachtung geschenkt. Und
doch sind sie nach mancher Hinsicht be-
merkenswert. Wie viele sind schon durch
die Vergänglichkeit des Materials und
durch den Mangel an Wertschätzung seitens
der Besitzer bem Verderbeil anheimge-
fallen ? Jil der kilnstgeschichtlichen und
kunstgewerblichen Literatur findet sich kann:
je eine Erwähnung, nirgends eine Auf-
klärung über Zeit, Herkunft und Art
dieser Volksbilder. Darnnl möge einmal
in zwangloser Form, soweit sich dies durch
das in wenigen Jahren gesaulmelte Bil-
dernlaterial erreichen läßt, ein Ueberblick
über Wesen und Wert derselbeli gegeben
sein, mit der Absicht, weitere Kreste zur
Erhaltung der noch vorhandenen Bilder
anzuregen. Die Darstellung ist fast durch-
weg religiöser Art. Einzelne weltliche
Motive, allegorische Darstellungen der
Jahreszeiten, Porträtstücke von Ordens-
rittern, Päpsten, Fürstlichkeiten, oder Tier-
stücke sind darunter; diese sind nicht gerade
die schlechtesten. Einer großen Anzahl
liegt der gleiche Vorwurf zugrunde;
häufig sind die Vorbilder sogar mit ganz
geringen Abweichungen wiedergegeben. In
einer ganzen Reihe von Darstellungen er-
kennt man die möglichst getreue Nach-
ahmung von Meisterwerken der italienischen
Renaissance oder einzelner Figuren aus
solcheil Bildern. So kehren bekannte
Madonnen von Carlo Dolce und Fr. Fran-
cia, der Christuskops von Guido Reni,
auch Stücke von Raffael, vor allen: Bil-
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