Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 98
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Ergebnis aller ihrer geistigen Strö-
mungen*)."

Was ist denn eigentlich „Stil"? „Stil
nach seinem kunstgeschichtlichen Begriff,"
sagt P. Kuhn (a. a. D.), „bedeutet die
besondere, charakteristische Fornr, in wel-
cher die einzelnen Kultur- und Zeitepochen
ihre Gedanken in den bildenden Künsten
. . . ausgesprochen haben, und zwar in der
Plastik und Malerei, wie in der Archi-
tektur."

Nun ist diese Fornr keineswegs das Er-
zeugnis der reinen Willkür. Sie hat
sich zu richten nach den objektiven for-
nialen Schönheitsgesetzen. — Sie hängt
zusammen mit den Fragen der Technik,
der technischen Bewältigung des Mate-
rials, der Höhe der ästhetischen Ver-
anlagung und der künstlerischen Schulung.
Diese Faktoren hängen ihrerseits in den
einzelnen Kunstzweigen wieder von ver-
schiedenen Bedingungen ab, die mit Fragen
der allgemeinen Kultur in Verbindung
stehen. Man denke nur z. B. an die Be-
deutung der Kenntnis der Konstruktions-
gesetze in der Architektur, an die Kenntnis
der Mathematik für Berechnungen der
Statik, an die Kenntnis der Perspektive
oder überhaupt der physiologischen Be-
dingungen des Sehvorgangs, die physio-
logischen Wirkungen der Farbe und des
Farbensehens usw. in der Malerei, und
vieles andere dergleichen. — Auch in an-
derer Hinsicht muß ein Einwirken der all-
gemeinen Kultnrbedingungen aus die künst-
lerische Ausdrucks form, die wir „Stil"
tiennen, zugestanden werden: man redet
nicht mit ilitrecl;! von einer zu verschie-
denen Zeiten verschiedenen Nanmempfin-
dung, die allerdings wohl eine Folge der
Gewöhnung sein dürste. Man erinnere
sich daran, daß die ungewöhnlich genaue
logische Begriffsentwicklnug und straffe
Unterordnung der Begriffe untereinander
die Architekten der gotischeil Zeit für jene
rücksichtslose Konsequenz der mathema-
tischen Entwicklulig befähigte, die in ihren
Werken vielbewllndert zutage tritt. — Die
zur Zeit des Barocco übliche und durch

l) A. Kuhn, Der jetzige Stiftsbau Maria-
Einsiedeln, 2. A., 1913.

Allem Anschein nach nimmt auch P. Kuhn an
die er Stelle den Begriff „Stil" in einem viel
weiteren Sinn, als seine Definition besagt.

zeichnerische Virtuosität gesteigerte Vorliebe
für das Dekorative, Malerische, für das
Bewegte und Unruhige, ist eine der Dis-
position der dantaligen Menschen entspre-
cbeltde Erscheinung. So dürfte eine größere
Vorliebe für die ruhige Fläche, für schwere
lind ernste, aus der Art des Materials
und seiner Zweckbestimmung abgeleitete
Formen dem „Geiste" unserer Zeit mehr
entsprechen. (Fortsetzung folgt.)

Der neue St. Iosephsaltar in der
Stadtpfarrkirche zu chorb.

Von Dekan Reiter.

Die verstorbelie Agatha Gräther von
Horb hat die Stadtpfarrkirche daselbst mit
einem Vermächtnis bedacht und bestimmt,
daß mit demselben ein Altar zu Ehren
des hl. Joseph erstellt werden solle. Diese
Bestimmung wurde im letzten Jahre durch
die Firma Hausch zu bescheidenem Preise
zur Ausführung gebracht, und so ist die
Stadtpfarrkirche um einen neuen Altar
bereichert worden, welcher als ein hervor-
ragerides Kunstwerk bezeichnet werden darf.

Der neue Altar, 4,6 Meter hoch und
2,5 Nieter breit, will den hl. Joseph als
Patron der Sterbenden feiern. Sein
Standort i|t ein Pfeiler bei der Kanzel,
feilt Stil ist dem Barockstil der Kirche
angepaßt. Die reiche Verwendung von
Schwarz und Gold wirkt stimmungsvoll.
Die Gesichter der Figuren sind nach der
Natur gearbeitet und porträtähnlich. Der
ganze Ban verrät großen Fleiß und glück-
liche Inspirationen. Im folgenden eine
kurze Beschreibung der Einzelheiten.

Die Mensa des Altars ist aus schwarz
gebeiztem Eichenholz gefertigt und sar-
kophagähnlich behandelt. Das in das
Rechteck eingelassene Reliefbild weist den
ägyptischen Stil auf und zeigt drei Figuren:
der ägyptische Joseph, Vorbild des heiligeit
Joseph, nimmt ans der Hand Pharaos
das Zepter entgegen; hinter Joseph steht
ein Diener, bereit, dem neuen Herrn den
roten Königsmantel nmznhängen. Das
Ganze ist umrahmt von goldenen Lorbeer-
ornamenten und macht einen vornehinen
Eindruck. Die Darstellung will einerseits
die Härte der Mensa auflösen und anderer-
seits die Idee der Verherrlichung an-
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