Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Die große Orgel in Weingarten
von Joseph Gabler und ihr Aus-
bau durch Friedrich Meigle.

Von Stadtpfr. Brinzinger, Oberndorf a. N?)

Die herrliche Barockkirche in Weingarten,
„die Königin der Klosterkirchen, der Stolz
und Rnhnl Oberschwabens, nächst dem
Ulnier Münster die größte des Landes,
der St. Petersdom Württembergs, die
siegreiche Nebenbuhlerin Einsiedelns"
(Keppler), ist in siebeli Jahren, 1715 bis
1722, unter Abt Sebastian Hyller erbaut
morden. Ihr Grundriß stammt von bem
berühmtesten Architekten der Vorarlberger
Schule, Franz Beer aus Bezau. Christian
Thumb und Laienbruder Andreas Schreckh,
beide aus Vorarlberg, haben den Bau
weiter geführt. Als Erbauer galt früher
der herzogliche Hosbaudirektor Donato
Glliseppe Frisoili (1660—1726 ; in Oef-
fingen , OA. Cannstatt, begraben); aber
er hat nur die Entwürfe der Fassade,
Zeichnungen für die Altäre und die Aus-
gestaltung der Kuppel geliefert. Die
Deckeufreskeu sind vom baperischeu Hof-
maler Kosmas Damiau Afam in zwei
Jahren gemalt worden, die Stukkaturen
sind von Franz Schmuzer aus Wesso-
brunn, 40 Altarfiguren von Diego Car-
lone, das Chorgestühl von Joseph Anton
Feuchtmayer (in Salem und Klosterschreiner
Joseph Koch 1720 gefertigt, mit 84 Stän-
den in 3 Rängen), die Zopfkanzel von

') Nach einem Vortrag bearbeitet, den der
Verfasser am 12. August 1013 in Weingarten
bei der 22. Plenarversammlung des Cäcilien-
vereins der Diözese Rottenburg gehalten hat.

Fidel Sporer aus Weingarten (erst 1765),
Altarbilder und Bilder auf der Galerie
voll Peuso, Malo, Carlo Carloue und
anderen Italienern, das perspektivische
Chorgitter von einem Unbekannten * * *). Am
10. September 1724 bei Einweihung der
Kirche durch den Bischof von Konstanz
Johann Franz Schenk von Staufenberg
besaß sie nur eine kleine Chororgel.
Dieselbe wurde von Joseph Bosfard und
Sohn Viktor Ferdinand aus Baar bei
Zug 1724 erbaut, mit 14 Registern und
990 Pfeifen, 1730 von Joseph Gabler
restauriert und erweitert, er gab ihr
24 Register und 2222 Pfeifen, sie ko-
stete 8000 Gulden.

Eine große Orgel über dem West-
eiugaug wurde erst 1737 in Aussicht ge-
nommen (im Abteibuch von Sicherer
Organum superius genannt) und 1737
bis 1750 erbaut von dem genialen Or-
gelbauer Joseph Gabler mit 12 Gehilfen,
unter mancherlei Unterbrechungen und
vielen „Verdrüßlichkeiten" Gablers gegen-
über von verschiedelien Gegnern. In den
Reise- und Geschichtsbüchern wird dieses
Meisterwerk nur kurz erwähnt. Ottmar
Dreßler, 1860—1885 in Weingarten
als Chordirektor und Organist in rühm-
lichster Weise tätig, hat uns im Cäcilien-
kalender 18782) eine auf archivalischeu
Studien beruhende vortreffliche Beschrei-
bung der Orgel hinterlasfen. Die Haupt-

0 Nach Berth. Pfeiffer bei Wilh. Kick, Barock,
Rokoko und Louis XVI. Karl Ebner, Stuttgart,
S. 5 ff.

2) Cäcilienkalender von Franz Xaver Haberl,
Regensburg 1878, 51 ff.
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