Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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resultate derselben werden wir ansühren.
Die Orgel ist 14,32 m hoch, 7,87 m breit
und 8,79 m tief. Sie hat vier Mann-
ale mit 49 und ein Pedal mit 20 Tasten,
66 Register, 12 Blasbälge, nach alter
Tradition 6666 Pfeifen, getiau gezählt
sind es jetzt 7041 Pfeifen. Die vier Ma-
nuale habeit je 12 Register. Rach P. Pla-
zidns Maiers, des letzten Klosterorganisten
Angaben, hatte das zweite Manuale nur
8 Register. Die Orgel hat auch ein
Glockenspiel in Traubenform ( — Wappen
des Klosters) mit 55 Glocken, das 1000
Gulden kostete. Die Orgel kostete 1758
26 895 Gulden, zuletzt nach Gablers Auf-
zeichnungen (Memminger Archiv) 32 000
Gulden. Die größte Pfeife ans Zinn,
10,31 m hoch, wiegt sechs Zenliter und
faßt drei württenlbergische Vodensee-Eimer
und 4 Jini — 1249 Liter. Das kunst-
volle Gehäuse der Orgel mit reichen
Schnitzereien, Engelsfignren und einge-
legten Hölzern (Intarsia) wurde in der
Klosterschreinerei gefertigt, Fassung und
Vergoldung votn Laienbruder Frauz
Heine (1724—1752).1) Eine Reparatur
der Orgel erfolgte erst 1813 durch Gott-
fried Mancher, Orgelbauer aus Koustatiz,
1826 eine ziveite durch Braun ails
Spaichingen. 1859 fertigte Karl Gott-
lieb Weigle von Stuttgart einen Repa-
raturüberschlag (von 4200 Gulden), der
1861 —1862 ausgeführt wurde mit zwei
Zungenregistern (Trompete und Oboe),
mit neuem Gebläse und mehrfach ver-
besserter Wiudführuug, wodurch derZnstatid
des Werkes wieder ein sehr guter wurde.

Der geniale Erbauer des großartigen
Werkes, Joseph Gabler, hat damit in
Konkurrenz mit dem berühmten Andreas
Silbernrann, der damals ein Projekt für
Weingarten eingereicht hat und gegen
30 Orgeln für Straßburg (Münsterorgel
mit 39 Registern und 2242 Pfeifen 1726
erbaut), Bafel, Offenburg, Kolmar usw.
baute, einen großen Sieg errungen und
der Weingarter eilten milden Glanz und
Silbertou gegeben, der heute noch be-
wundert wird, lieber Joseph Gabler
gibt Dreßler noch einige interessante bio-
graphische Angaben. Gabler ist geboren

0 A. Lindner, Studien und Mitteilungen zur
Geschichte des Benediktinerordens, Salzburg, bei
Pustet 1882, 2, 128.

6. Juli 1700 in Ochsenhausen, wohin
sein Vater Hans Gabler, Zimmermann
aus Betzigau bei Kempteu, gezogen war
(Kirchenbücher von Ochsenhansen). Er
erlernte die Schreinerei und kam nach
Mainz zu Orgelbauer Johaun Eberhard
Ziegenhorn, lernte bei ihm mit großem
Eifer die Orgelbauknnst, wurde sein Ge-
schäftsführer und heiratete nach dessen
Tod 7. Februar 1729 desseu kinderlose
Witwe Agnes, geb. Hiller, und kehrte nach
Ochsenhausen zurück zu feinen Eltern.
Rach Gablers Aufzeichnungen im Mem-
minger Stadtarchiv erbaute er außer der
kleiuen uud großen Orgel in Weingarten
die große Orgel in Ochsenhansen mit
50 Registern um 1500 Guldeu, die Chor-
orgel (jetzt Hauptorgel) in Zwiefalten mit
24 Registern um 6000 Gulden, die Or-
gel in Steinhausen mit 20 Registern um
2000 Gulden, in Memmingen die Orgel
in der St. Martinskirche und die zwei
kleineren Orgelwerke in der Lateinschule
tllld im Collegio musico um 1080 Gul-
den. Er lebte, wie er selbst von Mem-
mingen aus 1761 nitb 1762 an den Abt
in Weingarten schreibt, in dürftigen Ver-
hältnissen und „kann auf keinen gnineu
Zweig kommen". Er arbeitet bann in
Biberach, 1763 in Ravensburg an der
Orgel der evangelischen Kirche, zieht nach
Fraitkreich und soll etwa 1784 im Elsaß
gestorben sein. Eine große Genugtuung
erlebte er und rühmt sich derselben mit
berechtigtem Stolz in einem Brief an den
Abt in Weingarten: „daß seine Orgel
in dem Hochlöbl. Reichsgottshauß Wein-
garten von jedermann als ein außer-
o r d e n t l i ch e s K u n st st ü ck h, s o in ganz
S ch w a b e n seinesgleichen nicht
haben mag, bis nun admirirt worden
sei." *)

Diese Orgel von Gabler erhielt im
Frühjahr 1912 durch die weltberühmte
Firma Friedrich Weigle, Stnttgart-
Echterdiugeu, eineil wohlgelnngenen Aus-
bau samt Vergrößerung. Zwei
Ansichten der Fachmänner standen sich
gegenüber. Die einen wünschten eine
Modernisierung der Orgel mit elektrischem
oder pneumatischem System und neuzeit-

0 Dreßler 1. c. 50 und Lindner, Profeßbücher,
1009. 4ösel, II, 121—23.
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