Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

Seite: 104
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der Architekt etwas Schablonenhaftes lie-
fert, was nachher nur unbefriedigt ließe.
Eine neue Kirche soll doch auf Jahrhun-
derte hinein einer Gemeinde und Gegend
zum charakteristischen Merkmal werden.
Wir müssen allerdings dem Architekten
das größte Vertrauen entgegenbringen
und dürfen feinem künstlerischen Schaffen
keine willkürlichen Grenzen fetzen. Wir
gehören ganz und gar nicht zu jenen,
welche glauben, jeder Schuster und Bäcker
verstehe es besser, eine Kirche zu bauen,
als ein Kirchenbaumeister, aber wohler-
wogene Wünsche des Pfarrers und der
Gemeinde werden den Plauen des Archi-
tekten individuelle Formen und charakteri-
stisches Gepräge geben. Der Pfarrer,
welcher eine neue Kirche zu bauen beab-
sichtigt, schaue sich möglichst viele neue
und vor allem auch alte Kirchen an, und
hiebei mache er sich fleißig Notizen, hier
gefällt demselben etwas nicht, dort findet
er etwas praktisch; für solche Wünsche
und Mitteilungeu wird jeder Architekt
dankbar sein. Wünsche erst dann Vor-
bringen und durchsetzen wollen, wenn der
Bau sich allmählich erhebt, kostet viel
Geld und ist oft undurchführbar. Wer
sich ein Haus baut, gibt auch an, wie es
t£)m am bequemsten ist. Sollte der Pfarrer
allein nicht wissen, wie die Kirche am
besten den lokalen Bedürfnissen und den
verschiedenen Festzeiteu entspricht? Etwas
anderes ist die Konstruktion, etwas an-
deres das Praktische; hier haben Architekt
und Pfarrer zusammen zu arbeiten.

3. Eine wichtige Frage ist: wie groß
muß die Kirche werden? Wieviel
Sitzplätze für Erwachsene und Kinder
sind nötig? Hier ist eine allgemeine
Zahleuangabe unmöglich. Es kommt auf
die Zahl der Sonutagsgottesdienste, auf
die Parzellierung der Gemeinde und anderes
an. In Landgemeinden wird man auf
ca. 2/3 der Gesamtbevölkerung rechnen dür-
fen. Für ein Erwachsenes sind ca. 0,47 qm,
für ein Kind ca. 0,34 qm vorzusehen.

Wichtig ist sodann die Frage, ob die
Zahl der Bevölkerung zunehnre; in diesem
Fall ist von Anfang an die Möglichkeit
einer leichten späteren Erweiterung des
Baues vorzusehen. Im Notfall schrecke
man selbst vor einer Notkirche nicht zurück;
nur wünschten wir den Chor der Kirche

massiv erstellt und nur das Langschiff in
Fachwerk in einer Weise ausgeführt, daß
nach mehreren Jahrzehnten leicht die
Möglichkeit gegeben ist, das letztere ent-
sprechend umzubauen. Die Pläne hiezu
wären allerdings vorzubereiten. Auch ein
einschiffiger Bau mit Bogen zwischen den
Pfeilern, deren Zwischeumaueruug bei
einem Umbau in eine dreischiffige Kirche
herausgenommen werden könnte, dürfte
sich unter Uurstäuden empfehlen. Doch
hätte mau hier wegen des hohen Mauer-
werkes mit ziemlich größeren Kosten zu
rechnen.

Es ist verfehlt, von einem gewissen
Größenwahn befangen, Stadtkirchen aufs
Land setzen zu wollen, welche mit ihrer
Leere nachher nur kalt lassen; aber noch
inehr verfehlt dürfte es sein, das letzte
Plätzchen in der Kirche auszuzirkeln, um
möglichst klein und billig bauen zu können.
Die Geldfrage wird zwar in den meisten
Fällen den Kirchenbau beherrschen, doch
sollte dies nie auf die Größe der Kirche,
sondern nur auf die reichere oder ein-
fachere Ausführung einen Einfluß haben.
Wichtiger als die Geldfrage ist heutzutage
das religiöse Leben; wo dieses in unseren
glaubensgefährdeten Zeiten unter der Eng-
räumigkeit der Kirche wesentlich notleidet,
muß unter allen Umständen baldigst zum
Neubau geschritten werden, und wenn es
nur in der Form geschieht, daß der nötige
Raum geschaffen wird, während die Voll-
endung des Baues und dessen innere Aus-
stattung künftigen Geschlechtern Vorbehal-
ten wird. Es ist ein großer Fehler, der
heutzutage vielfach gemacht wird, daß
umn am Rohban, welcher immer bleibt,
an Form und Größe spart, §nr Innen-
ausstattung aber, welche vielleicht nach
Jahrzehnten wechselt, Geld im Ueberfluß
hat. Unsere Vorfahren mit ihren herr-
lichen Kirchen haben Jahrzehnte an den-
selben gebaut nnb die Innenausstattung
kommenden Jahrhunderten überlassen. Wir
dürften da zum Teil wieder von den Alten
lernen.

4. Ist einmal die nötige Größe der
Kirche für jetzt nnb die Zukunft bestimmt,
so ist es nulimehc weitere Pflicht des
Pfarrers, den geeigneten Bauplatz zu
finden. Die Platzfrage hat schon oft
manchen nötigen Neubau jahrelang ver-
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