Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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werden, um nochmals mit Overbecks Wor-
ten zu redeil, die Harfen der Kunst in der
Kirche Psalmen allezeit ertönen lassen zum
Lobe des Herrn."

Prinzipiell ist dieser Forderung ganz
zweifellos zuzustimmen: die Kunstgegen-
stände, die in der Kirche Verwendung fin-
den, sollen von wirklichen Künstlern her-
gestellt werden, nicht schablonenhaft, fabrik-
mäßig und handwerksmäßig. Aber auch
bei dieser Forderung werden Distinktionen
klug und weise sein. Nehmen wir die
Verhältnisse wie sie nun einmal bei int§
und in jetziger Zeit sind: soweit Kirchen
in Betracht kommen, die über genügende
Mittel verfügen, wird die oben erhobene,
das wirkliche Ideal darstellende Forde-
rung, wenigstens bei uns im Süden, im
großen ganzen in relativ befriedigender
Weise erfüllt. Ob im Norden mehr An-
laß besteht zu so nachdrücklicher Betonung
dieser Forderung, entzieht sich unserer Kennt-
nis. —- Aber in einer sehr großen Anzahl von
Fällen wird es sich nicht um Kirchen handeln,
die über Geld verfügen, sondern um är-
mere Kirchen, die oft mühsam die Gelder
für den Kirchenbau und seine Innenaus-
stattung zusammenbringeu müssen. Ailch
für sie stellen wir die Forderung auf:
wenn sich mit einfachen Mitteln etwas
Künstlerisches erreichen läßt oder wenn sie
einen Künstler gewinnen können, der sich
dazu herbeiläßt, auch Einfaches billig zu
schaffen, so muß der Künstler mit der Ar-
beit betraut werden, nicht der Fabrikant
und Handwerker.

Aber in nicht wenigen Fällen wird bei
Anschaffung von Kirchengeräten, Plastiken,
Malereien it. dgl. auch das nicht möglich
sein. Auch die einfachere kirchliche Statue
wird in diesen besonderen Fällen vom
Künstler bezogen zu teuer werden. Was
bleibt da übrig, als zur fabrikmäßig oder
handwerklich hergestellten Ware zu greisen,
zu Imitationen oder Kopien? — Wer
mit den realen Verhältnissen rechnet, wird
erkennen müssen, daß dieser Zweig der
handwerklich oder fabrikmäßig hergestellten
kirchlichen Erzeugnisse nicht ganz wird
ausgeschaltet werden können. Man mag
das bedauern; aber es ist einmal so. Ich
möchte auch bezweifeln, daß dies je ein-
mal anders war. Denn auch die Kuust-
erzeugnisse des Mittelalters, wie sie in

kleineren und ärmeren Kirchen stehen und
standen, sind zumeist Produkte einer Hand-
werkskunst, die freilich auf einer durch-
schnittlich höheren Stufe stand, als die
heutige. — Was ist da zu tun? — Be-
seitigen können wir diese „Fabrikkunst"
nicht völlig. Wir können sie wohl etwas
zurückdrängen, indem wir auch den ärmeren
Kirchen raten, lieber noch länger zuzu-
warten, noch etwas länger zu sparen und
Geld zu sammeln, um schließlich doch noch
ein, wenn auch einfach gehaltenes, so doch
in sich wertvolles Kunstwerk vom wirk-
lichen Künstler zu beschaffen. — Wenn
wir jene „Kunstanstalten" nicht beseitigen
können, so müssen wir sie eben veredeln und
heben. Man wird sagen dürfen, daß auch
auf diesenl Gebiete erfreuliche Anfänge
gemacht sind, um die wirklich beklagens-
werte Schundware zu beseitigen. Beuron
hat sich hier mit seinem Kunstverlag große
Verdienste gesammelt sowohl was die
Heiligenbilder angeht, als insbesondere
was Plastik betrifft; desgleichen die Ge-
sellschaft für christliche Kunst in München.
Die Württembergische Metallwarenfabrik
hat mit ihren plastischen religiösen Werken
gleichfalls einen guten Schritt zum Besseren
getan. Auf diesem Wege muß weiter
gegangen werden, schon deswegen, weil
derartige Erzeugnisse Eingang nicht nur
in arme Kirchen und Kapellen finden,
sondern atlch den Kunstschmuck im katho-
lischen Hause darstellen. Wir werden also
darauf dringen nlüssen, daß nur gute
! Werke nachgebildet werden, daß das Volk
! selbst abgehalten werde, jene entsetzlich
l schlechten und geschmacklosen Herz-Jesu-
und Herz-Maria-Statuen, Antoniusstatuen
j zu kaufen, mit denen der Markt über-
schwemmt ist — darüber führt der Ver-
j fasser mit vollem Recht lebhafte Klage.
Suchen wir auf die Fabrikation derartiger
Werke selbst Einfluß zu gewinnen, daß sie
nur gute Werke kopieren und daß sie einen
besseren ästhetischen Geschmack entwickeln,
als das bisher der Fall war.

Was der Verfasser über die einzel-
nen Zweige der kirchlichen Kunst sagt, ist
etwas aphoristisch und zunl Teil dürftig.
Einige Punkte seien noch herausgegriffen:
Hinsichtlich der Architektur verlangt
der Verfasser: neue Formen, auf Grund
neuer Techniken speziell im Hinblick auf
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