Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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noch nicht leicht eine andere von der
Schablone und der äußerlichen Anlehnung
an alte Stile abgewichen. Eine Kirche,
die einmal ganz im Geiste und den
Kunstprinzipien Beurons ausgeführt wird,
wird sicherlich weder romanisch, noch
gotisch, noch Barock noch Renaissance
sein, sondern so eigenartig mathematisch
und hieratisch wie die köstliche St. Mau-
rnskapelle. Bezeichnend für die Venroner
Kunst ist ihr architektonisch bestimmter
Charakter. Es trifft unseres Erachtens
die Sache durchaus, wenn P. Joseph
Kreitmeier in einer geistvoll geschriebenen
Studie über die Benroner Kunst (Stinr-
men ans Maria-Laach 86 (1913), 53)
sagt: „So ist denn die Benroner Kunst
aus der Architektur geboren, freilich, wenn
man von der kleinen Maurnskapelle ab-
sieht, ans einer mir in ordine ideali
existierenden hieratischen Architektur, da
es den Künstlern bislang noch nicht ge-
gönnt war, das Beurouer Gesamtkunst-
werk im großen darzustellen, obwohl
P. Desiderins die Pläne für eine große
Kirche längst bis ins Detail ausgearbeitet
hat. Die Signatur dieses Beurouer hie-
ratischen Baustils ist nicht der nach oben
weisende Predigergestns der Gotik, sondern
es sind die gefalteten Hände eines Beten-
den. Daß die Künstler ihre von dieser
idealen Architektur aus inspirierten Schöp-
fungen auch in der Benroner Spütbarock-
kirche ausstellen, ist eine Inkonsequenz, die
dem Auge wehe tut. Aber es hat das Gute,
daß der scharfe, unangenehme Kontrast
ein nie ermüdender Ruf nach Verwirk-
lichung der Pläne des P. Desiderins ist.
Ein solches Werk würde ohne Zweifel
eines der großartigsten und originellsten
kirchlichen Denkmäler der Welt werden,
ein Zielpunkt für Millionen Wallfahrer.
In diesem Sinne ist es zweifellos richtig,
was Eunl Ritter (Kunstwart 1. April 1913)
sagt: Die Zukunftsverheißung Beurons
ist eine Reuvermählung zwischen Kultus
und Schönheit."

Und weiter sagt derselbe Verfasser:
„Welches sirrd nun die Folgerungeri, die
Beurons Küriftler aus deru Dienstverhält-
nis vorr Malerei und Plastik zu ihrer
Architektur ziehen? — Es ist vor allein
das Betonen der Linie, der Silhouette.
Die Linie ist die Seele der Architektur,

wie das Baumaterial der Leib. So muß
das Motiv der Linie auch irr allem weiter-
klingen, was der Architektirr dierrt, in den
Ornamenten, Plastiken, Bildern. Eine
Malerei mit weich abgestimruterr, ineiu-
andersließendeu Uebergängen fügt sich nie
recht in eine stramme Architekur und
lockert oder löst sogar das Band der Ein-
tracht. . . . Man fühlt instinktiv das
Zusammenklingen der Benroner Bilder
mit der entsprechenden Architektur; sie sind
die harmonischerr Obertöne, die über deru
Grundton des Barnverks schweben und ihm
seine Klangfarbe und Klangfülle verleihen,
die koutrapuuktischerr Girlanden rrur einen
cantns firmn3. Das Beurouer Ar-
chitekturideal hat nichts Unruhiges, leb-
haft Beivegtes, sondern feine Signatur
ist erhabene, unerschütterliche Ruhe rrnd
Majestät."

Wie tief der Eindruck der Beurouer
Kunstbestrebuugeu auch auf deu Nicht-
katholiken, der ihnen mit Verstärrdrris
naht, sein kann, zeigt die Aeußernng
Enril Ritters im Kunstwort (1913,
1. Aprilheft, Seite 73): „Feierlicher Altar-
dienst, im Rhythmus der heiligen Musik,
in einem Heiligtum voll gestalteter Au-
betung — das ist das kultische Kurrstwerk.
Die Beurouer hätten es schaffen können,
wären sie nur in der urateriellerr Lage
nraucher Abteien Oesterreichs. Oder P. Lenz
hätte eilten Mäzen finden müssen, um die
Entwürfe seiner Mappen in Wirklichkeit
verwandeln zu können. Seine Ordens-
brüder hätten dann die Räuine mit Klang
und Bewegung belebt. Eine Wunder-
insel in der modernen Knlturbrandung
wäre das geworden, ein Wallfahrtsort für
alle, die sich willig dem Parsifal-Zauber
hingeben. Und alle Pilger, ob so oder
andersgläubig, hätten dort das Wesen
krrltischer Kunst erfahren urüssen. Sie ist
schweigende Erhabenheit, Schönheit arrs
Anbetung geboren, Stimmung des My-
steriuius. . . . Beurou ist keine Er-
neuerung der Kunst überhaupt. ... In
der künstlerischen Gestaltung der Kultus-
gedanken aber verknüpft uns Beuron mit
Unvergänglichem der Vergangenheit und
weist in eine große Zukunft."

Ich glaube, wir dürfen uns über solche
Worte freuen und dararrs die Folgerung
ziehen, daß wir nicht achtlos an wertvollen
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