Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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klopfende Christus". Zugegeben: die Aufgabe
des Künstlers ist hier eine überaus schwierige.
Aber Feldnrann hat uns doch ein „heiligstes"
Herz Jesu geschaffen, das neben den übrigen
Eigenschaften Ernst und Heiligkeit nicht vermissen
läßt. Und den guten Hirten von Fritz Kunz
finden wir gerade dann recht wahr, wenn uns
zuvor die Kepplersche Homilie von seiner Ener-
gie erzählt hat.

Der Forderung, daß jede katechetische Ein-
heit ein Bild zrun Mittelpunit haben müsse, hat
Amrhein aus guten Gründen nicht entsprochen.
Auf Vollständigkeit will und kann er keinen
Anspruch erheben. Der Wünsche auf Ergänzung
werden daher viele sein. Speziell hat man eine
Darstellung des Ehesalramentes verlangt. Viel-
leicht könnte die Darstellung auf manchen adeligen
Grabmälern gewählt werden, wo der göttliche
Schmerzensmann die Nupturienten vermählt.

Die Erklärung schlägt bei Besprechung der
„Nachfolge Christi" eine Aenderung vor. Referent
spricht in dieser Hinsicht höchstens den Wunsch
aus, daß die Nummer 24 wegfalle. Nach
Erscheinen der Erstauflage sollte aber der Grund-
satz: „Link rrk 8vurt aut uon sink!" rücksichtslos
zur Geltring gebracht werden. Vor den Religions-
lehrbüchern sollte der Auflagenschwindel halt
machen, ein Wunsch, der seit einiger Zeit leider
nicht mehr gegenstandslos ist. Die geäußerten
Bedenken wurden lediglich wegen der gewaltigen
Tragweite einer Katechismusillustration erhoben.
Handelt es sich doch um die Bildung einer
genreingültigen Kurrstsprache, einer ästhetischen
Kultur, wie man es genannt hat, gleich wichtig
für den schaffenden Künstler und sein Publikum.

Zur Verwirklichung dieses Ideals könnte die
Erklärung von Joseph Schwarz kaum mehr bei-
tragen, als sie tatsächlich leistet. Zwar hält sie sich
streng ans Stoffliche. Aber in dieser Beschränkung
zeigt sich der Meister der Kinderpsychologie. Der
Erklärer kann die Hindernisse des Verständnisses
entfernen und die geeignete Stimmung vermitteln:
zum Genuß der formellen Qualitäten muß das
Auge sich selbst heranüben. Spräche der Ver-
fasser nicht ausdrücklich den Wunsch nach Kritik
aus, so könnte man das Urteil kurz dahin
formulieren: hier hat der Autor des Kommunion-
unterrichtes sich übertroffen. — Einige lapsus
(S. 17 und 20) werden wohl bereits verbessert
sein. S. 10 findet die rhetorische Floskel
„Alles zittert" weder im einschlägigen Bild
noch im Zusammeithang ihre Rechtfertigung.
In der Anwendung S. 13 hätte ich es gern
gesehen, wenn das Lob- und Dankgebet in
Erinnerung gebracht würde.

F r o m m e n h a u s e n. I. F i s ch e r.

Der jetzige Stifts bau Maria-Ein sie-
deln. Geschichtliches und Aesthelisches von
Dr. P. Albert Kuhn O. S. B. 2. um-
gearbeitete und neu illustrierte Atiflage.
Mit 50 Abbildungen im Text und 4 Ein-
schaltbildern. Einsiedeln (Benziger) 1913.
Die unermüdlich fleißige Feder des Einsiedler
Kunsthistorikers und Kunstästbetikers Dr. P. Kuh n
schenkt uns hier in zweiter Auflage sein erstmals
1881 (bezw. in Buchform 1883) erschienenes Werk

über ben Stistsbau in Einsiedeln. Den Gedanken
einer Neuauflage dürfte die Restauration des
Schiffes der Stiftskirche im Jahre 1910 durch
den hochwürdigsten Abt Bossart eingegeben haben.
Die Schicksale der Einsiedler Münsterkirche sind
sehr wechselvoll: nicht weniger als fünf Vor-
gängerinnen, die sämtlich durch Branv zerstört
wurden, hatte die heutige Kloster kirche. — Der
Bau des Chores und der Beichtkirche fällt in die
Jahre 1674—1684; der Anfang des neuen Stifts-
baues vollzog sich in den Jahren 1704—1717;
der Barr der Stiitskirche gehört den Jahren 1719
bis 1735 an; der Ausbau des Stiftes endlich
vollzog sich 1734—1770. Endlich schließt sich
daran der Bau der Gnadenkapelle und die Ge-
schichte des St. Meinradbrunnens.

Während dieser erste, geschichtliche Teil im
wesentlichen gleichblieb, hat der zweite, ästhetische
Teil ganz erhebliche Aenderungen gegenüber der
ersten Auflage erfahren. P. Kuhn begründet dies
im Vorwort damit: „Langjährige Kunststudien
und praktische Erfahrungen halfen dem Verfasser
auf langem Wege über manche früher gangbare
Theorien und Schulmeinungen hinweg. Sie be-
lehrten ihn insbesondere, das Schöne und Gute
in allen Stilarten vorurteilsfrei anzuerkenneu.
Infolgedessen ist die vorliegende Bearbeitung nicht
bloß eine vermehrte, sondern auch eine ent-
schieden verbesserte Auflage. Der zweite Teil
wurde bis auf wenige Blätter ganz neu ge-
ichrieben." — Diese grundsätzliche Stelluirgnahme
des P. Kuhn zur Frage der Berechtigung der
einzelnen Stile und der Tendenzen, zu einer
neuen, der Jetztzeit angemessenen Stilform ließ sich
bereits aus seiner aktuellen Schrift „Moderne
Kunst- und Stilfragen" ersehen. Hier erhält
sie gleichsam ihre Illustration an einem konkreten
Beispiel, dem prachtvollen Stiftsbau von Ein-
siedeln, der eine geniale Lösung des Bauproblems,
den Raum der Gnadenkapelle, das Schiff der
Kirche mit Beichtkapelle und den Chor zu einem
einheitlichen Raumganzen zusammenzusaffen, dar-
stellt. Zugleich ist darin ein höchst lehrreiches
Collegium aestheticum über die Grundsätze, die
bei Restaurationen derartiger Denkmäler befolgt
werden sollten, enthalten. Man tat gut daran,
daß man in Einsiedeln auf die seingestimmte,
wohldurchdachte alte Dekoration des Aegidius
As am zurückgriff und auf eine Restauration mit
modernen Bildern verzichtete. Die in letzterer
, Hinsicht angestellten Proben ergaben, daß das
Ganze nur herabgemindert worden wäre und
„daß die von Aegidius Asam in Formen, Mo-
tiven, Farben und Tönen durchgesührte deko-
rative Ausstattung der Stiftskirche auf einem
einheitlichen, in allen Teilen wohl abgewogenen
harmonisch durchgesührten Plane beruht. Die
Folgerung ergab sich von selbst: das Si-
cherste und B e st e müßte es sein, wenn
die R e st a u r a t i o n überall ben Spuren
des Alten, Früheren na chginge" jS. 84).
Ich möchte diese neue herrliche literarische Gabe
des P. Kuhn allen empfehlen, die zu einer
Wallfahrt nach Einsiedeln neben dem religiösen
auch noch das Interesse für die kirchliche Kunst
mitbringen.

Tübingen. Ludwig Bar:r.

Stuttgart. Buchdruckerei der Akt.-Get. „Deutsches Volksblatt".
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