Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 31.1913

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Sigismund abgebildet. In deu Schild-
bogeu hinauf reicht ein hübsches Schutz-
mautelbild, worunter die Worte stehen:
Ora pro nobis mater miseriaor-
ciiae.

Ein Bild bleibt uns noch zu erwähnen:
St. Anna selbdritt im nordöstlichen
Schildbogen des Langhauses. Es ist das
einzige, bei welchem Urheber und Ent-
stehungsjahr angegeben sind, Paulus Tra-
ber, 1523. Die Einwölbung muß dem-
nach auch vor dem ersten Viertel des
16. Jahrhunderts stattgefunden haben. —

Nach seinen vielfachen Veränderungen
wäre das Kirchlein, nachdem die jetzige
geräumige Pfarrkirche zu St. Martin in
den Jahren 1730—1733 erbaut worden
war, beinahe abgebrochen worden. Im
Jahre 1734 war eine bezügliche Verfü-
gung des Hochstiftes Freisiug schon heraus-
gegeben, wurde aber auf die dringende
Bitte vieler Bewohner von Rain wieder
zurückgenommen. Immerhin wurde die
alte Kirche nun bedeutungslos und ver-
nachlässigt; das ganze religiöse Leben der
Pfarrei spielte sich zu St. Martin ab.
Von 1804 — 1811 diente das alte,
der Schmerzhaften Mnttergottes geweihte
Kirchlein als Heumagazin. Von 1836 bis
1846 wurde es dann renoviert, und im
Jahre 1847 von Erzbischof Karl August
neu geweiht.

Das alte, unscheinbare Gotteshans
hat durch die Aufdeckung der Fresken in
neuester Zeit wieder großes Interesse auf
sich gelenkt, wie es vielleicht noch nie
eines erfahren; und noch schlummern
verschiedene der kostbaren Malereien unter
der dicken Tünche.

Die christliche Aunst aus der Weltaus-
stellung in Gent.

Von Prof. Dr. I. Rohr, Straßburg.

Mit dem festen Vorsatz, die Ausstellung zu
Gent links und die Stadt Brügge rechts liegen
zu lassen, trat ich die Reise nach England an.
Mit dem ebenso festen Entschluß, Brügge und
Gent zu besichtigen, kehrte ich aus den Kontinent
zurück. Für Brügge hatte mich der „Regent"
einer amerikanischen Universität, für Gent ein
deutscher Ingenieur bekehrt, und ich habe die
Bekehrung nicht bereut. Zwar nennt man Brügge
das belgische Nürnberg oder vergleicht es mit
Marburg, und doch sind die Eindrücke wieder
andere, ganz individuelle, gegenüber denen in

den genannten deutschen Städten. Hier wie dort
herrscht die Gotik vor, und die mittelalterliche
Bauweise wirkt und klingt nach bis auf diesen
Tag, aber in Deutschland anders, als in Bel-
gien. Gerade ein Gang durch die Aus-
stellung in Gent lehrt, daß die innige Fühlung
mit dem Mittelalter Werte zu erhalten oder
wieder zu entdecken vermochte, die die Schlacken,
der Staub und der Nuß des Maschinenbetriebs
zu verschütten drohten oder verschüttet hatten,
und der Sitz dieses gesunden Konservatismus ist
eben Brügge. Wohl gerade deshalb, weil die
späteren Jahrhunderte den mittelalterlichen Nah-
men nicht zu sprengen vermochten, hat sich der
Sinn sür mittelalterliche Kunst hier besonders
frisch erhalten und staunenswerte Fernwirkungen
erzielt.

Dieser erste Eindruck beim Betreten Brügges
gibt die richtigste Vorahnung und schasst die
beste Stimmung für das Studium der christlichen
Kunst auf der Ausstellung zu Gent, eine umso
willkommenere Vorbereitung, als der Ausstel-
lungskatalog alles mögliche, nur nicht das bietet,
was man von einem solchen billigerweise er-
ivarten kann, nämlich eine kundige Führung
durch die Ausstellungsräume und ihre Darbie-
tungen. Er orientiert über die Tendenz der
Kommission, ein Stück „Altflandern" Wieder-
erstehen zu lassen, teilt die Ansprache des Prä-
sidenten bei der Eröffnung mit, hierauf die Sek-
tionen, die einzelnen Gruppen und deren Kom-
missäre und Teilnehmer, die Generaldirektion,
widmet dann noch den öffentlichen Gebäuden von
Alt-Gent drei Seiten, der Blnmenattsstellung
eine, u»d wo die eigentliche Führung beginnen
sollte, da hört der Führer auf. Von 32 Seiten
Inhalt dienen also ganze zwei dem Hauptzweck
der Broschüre, uird der Besucher ist bei der
Orientierung auf die eigene Findigkeit ange-
wiesen. Wohl trägt jeder Gegenstand den Namen
des Ausstellers auf einem Täfelchen, aber es
ist unmöglich, sich vorher einen Besichtigungs-
plair zurechtzulegen, den Trägern hervorragender
Namen nachzuforschen, und so geht viel Zeit ver-
loren, rind die ohnehin ermüdende Besichtigung
wird noch eruiüdender durch das uirsichere Hin-
undher von Gegenstand zu Gegenstand. Das
minder Bedeutsame tritt in eine unberech-
tigte Konkurrenz mit dein Wichtigen und Wert-
vollen.

Die Ausstellung für kirchliche Kunst als
Ganzes macht einen vorteilhaften Eindruck, vor-
teilhaft namentlich sür den, der vorher die Kirchen
Brügges besichtigt hat. Selbstverständlich er-
kaltete daselbst der Eifer sür den Schmuck des
Hauses Gottes iveder mit dem Beginn der Rc-
naissance, noch des Barock-, troch des Rokoko-
stils. So entsteht sehr oft eine Disharmonie
zwischen Gebäude und Innenausstattung; und
doch möchte man letztere nicht missen und etwa
verdrängt sehen durch romanische oder gotische
Arbeiten. Sie sind dazu viel zu charakteristisch
und zu bedeutend. Wohl aber steht man kopf-
schüttelnd dann und wann vor den Zutaten aus
neuerer und neuester Zeit, Dutzendware in ge-
leckter, glatter und eben deshalb nichtssagender
Form, charakterlos genug, um auf jeden Altar
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