Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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verstand, Superior Hofele. Er- zögerte
lange, weil er andere Aufgaben vorher zn
lösen hatte, und es war gut, daß er zö-
gerte. Er ging auch, als Praktiker, zuerst
daran, das Gotteshaus gegen Feuchtigkeit
sicherznstellen und gegen Westen dein Schub
des Berges zn begegnen und den Tnrnr
besser zu sundamentieren. In verhältnis-
niäßig ganz kurzer Zeit wurden Arbeiten
ausgeführt von einem einzigen geschickten
Mann, einem Sohn Jtnlias, die sonst
viele Kräfte und lange Zeit beanspruchen:
Drainage um die Kirche, Durchsägnng der
Wände, Herausnahme einer Backsteinein-
lage, Einlage von Bleiplatten auf Asphalt
zur Isolierung, schwierige Abgrabungeu
am Turm und Festignngsarbeiten.

Dann erst kam das Innere. Hiefür
wählte Superior Hofele in richtigem Ge-
fühl, daß etwas Originelles zn schaffen
sei, keine Schablone, die Navensburger
Kircheumaler Schiller und Ostermeier und
wies ihnen die Aufgabe zn, warme und
freundliche Stimmung in die Räume zu
bringen, die trotz einer Menge von Sta-
tuen unter gotischen Baldachinen fast leer
und kalt waren. Dabei sollte aber alles
Uebermaß an Farbe und Ornamentik —
Brimborium vermieden werden, damit der
klösterlich einfache, echt franziskanische Geist
gewahrt bliebe.

Das Ziel, das angestrebt wurde, wurde
erreicht durch drei Faktoren, die originell
und harmonisch zusammenwirkten: dis-
krete Farbengebung, eigenartige Orna-
mentik mit) sinnreiche Symbolik.

Die Farbengebung ist in ihrer Gesamt-
wirkung licht und freundlich, in keiner
Weise aufdringlich, so zusammeugestimmt,
daß das Auge mit Wohlgefallen den
Raum dnrchschweift, ohne beunruhigt zu
werden. Die Strichelmauier hat sich
auch hier bewährt. Blau, gelb, weiß
und gold wirken namentlich im Chor so
leicht und feierlich, daß eine Halle von
großer Schönheit sich anflut. Dazu der
Sockel mit braunrotem Teppich, wie auch
die Säulen des Langhauses gleichfarbige
Ummantelung zeigen. Wenn ein Tadel
angebracht wäre, könnte er sich nur auf
das etwas schmutzige Gelb der Decken-
balken beziehen, das aber durch die Zu-
sammenstimmnng mit den Medaillons ge-
mildert wird. Es wird nicht leicht eine

wohlabgewogenere Farbengebung gesun-
den werden, als sie hier angewandt ist.

Die Ornamentik oder Dekoration ist
durchaus originell, nirgends Schablone
und Imitation. Es ist vor allem der
herrliche breite Fries, der Schiff und Chor
durchzieht mit Lämmern, Hirschen, Löwen,
Paradiesvögeln. Sie ziehen hin zum
Quell des Lebens, dem Brunnen, der
über dem Tabernakel an der Wand des
Chors erscheint. Darüber ist die Chor-
wand noch besonders ausgezeichnet durch
lichte, schwebende Eugelsgestalten mit Me-
daillons und über der Spitze des duf-
tigen Hochaltars eine Krone haltend.
Herrlich ist das Ornament in den Zwickeln
und Feldern des hochstrebenden Chor-
gewölbs, dabei so recht Schillerisch eigen-
artig. Der Teppich an der Chorwand
zeigt stilisierte Adler, die Kapitale im
Langhaus Blattornament mit Vergoldung.
Die Decken des Langhauses sind belebt
durch runde Kranzgewinde, im Mittel-
schiff mit zahlreichen Medaillons, in den
Nebenschiffen einfacher. Die gesamte
Ornamentik zeigt ein sicheres, zielbewnßtes
Weiterschreiten auf eigener Bahn, nichts
Traditionelles, aber auch nichts die Tra-
dition Verletzendes. Nächst Hürbel, O.ll.
Biberach, habeil die beiden Meister hier
am deutlichsten ihr Können und Streben
kundgegeben. Vielleicht wird eine spätere
Zeit das noch besser würdigen als die
unsere, zumal die Arbeit sehr solid in
der Technik durchgeführt ist. Man kann
getrost jeden Kilnstkenner einladen, hier
den Fortschritt zu bewundern. Auch wenn
er der begeistertste laudator temporis
acti ist, er wird in diese Art Weiter-
und Umbildung der Knust einstimmen;
der lichte Gottesranm wird auch deur an
das romantische Düster alter Dome Ge-
wöhnten angenehm ans die Nerven fallen.

Die Symbolik ist ein schwieriges Ge-
biet. Die Alten haben sich ans dem-
selben nach Art des Physiologus weidlich
herumgetnmmelt, und manches, was sie
symbolisch darstellteu, ist heule noch ein
Rätsel für Forscher wie für Laien.
Mäßig angewandt, von Zeit zu Zeit dem
Volke erklärt, wird die Symbolik ein
großes Hilfsmittel der kirchlichen Kunst
und der religiösen Erbauung. Eine ge-
dankenlose Dekoration befriedigt in einer
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