Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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hin H. Niegels Buch über die Darstellung
des Abendmahls besonders in der tos-
kanischen Kunst (Hannover 1869). Van
Scheltema beschränkt sich unter Verzicht
ans die symbolischen Andeutungen u?id
Darstellungen der römischen Katakombeu-
malerei auf die Hauptdarstellungen der
byzantinischen Kunst und der folgenden
Epochen bis auf Nembrandt, soweit sie
den geschichtlichen Akt zunr Hauptgegen-
stand der künstlerischen Behandlung
machen, während er die liturgischen Dar-
stellungen des ritualen Abendmahles im
großen und ganzen ausschließt. Es be-
deutet einen Genuß seltener Art und eine
kostbare Schärfung des Beobachtungs-
Vermögens, der tiefsinnigen Interpretation
dieses ans seinen Wegen kundigen Füh-
rers zu folgen. Das Gesamtbild seiner
Erfolge sei hier in einer zusammenfassen-
den Gedankenfolge darzustelleu versucht,
t. Das i t a l i e i s ch e Abendmahl.

Abgesehen von der Sprache der Kata-
komben, wird die erste Darstellung, die
sich mit dem wirklichen Vorgang des
Abendmahls beschäftigt, von der byzan-
tinischen Knust geboten. Sie ist die
erste Stufe der Entwicklungsreihe in die-
sem Sinne. Seit dem 5. Jahrhundert
kommen Abendmahlsdarstellungen als
Miniaturen in Psalterien und Evan-
gelienhandschriften , als Wandmalereien
und Mosaiken, als Schmuck an kirchlicher
Kleidung und Geräten vor. Es ist meist
derselbe Typus, oft eine genaue Wieder-
holung desselben. Uns soll ein spätes
Beispiel, die gegen Schluß des 12. Jahr-
hunderts entstandene Mosaikdarstelluug in
S. Marco in Venedig beschäftigen.
Abgesehen von Einzelbeobachlungen, ist in
diesem Bild nicht der Gedanke, den man
sich von dem Abendmahl als wirklichem
Vorgang macht, zugrunde gelegt; es
sollte die Tatsache nur in Erinnerung ge-
bracht werden, und so bedeutet es beinahe
eher ein Aufzählen nach der Anordnung
des Eoangelientextes. Die höhere Be-
deutung Christi ist nur durch den Krenz-
nimbus ansgedrückt; auch Judas trägt
einen Heiligenschein, und zwar in den
älteren byzantinischen, aber auch noch in
italienischen Darstellungen einen schwar-
zen. Wir erkennen in dem Abendmahl
von S. Marco ein Schreiben in Bildern,

das an und für sich kein künstlerisches,
sondern mehr ein pädagogisches Ziel
verfolgt. „UiLturo e3t scriptura lai-
corum.“ Die Bedeutung dieser Mosaik-
arbeit beruht ohnehin in der Hauptsache
auf ihrer dekorativen farbigen Wir-
kung; sie dient, also abgesehen von ihrem
lehrhaften Charakter, der Kirche als G.e-
bäude in dem Zusammenhang ihrer archi-
tektonischen Umgebung. Falsch wäre es
nun freilich, zu meinen, als ob der bib-
lische Vorgang für die damalige Zeit
überhaupt keine Bedeutung gehabt hätte.
Jur Gegenteil: an ihn knüpfte die Kirche
jeder Zeit das eucharistische Dogma, „die
Sonne des katholischen Kultes" au.

Nach diesen katalogisierenden Darstel-
lungen der byzantinischen Kunst ist die
erste ideal innerliche Vorstellung und Be-
handlung mit dem großen Giotto ver-
bunden, auf den in tieferem Sinn die
selbständige italienische Malerei überhaupt
zurückgeht. Seine Abendmahlsdarstel-
lung befindet sich in einem Zyklus in
Madonna d e l l' A r e n a in P a d u a
und ist ein Jahrhundert später als die
von S. Marco entstanden. Auch hier
tritt die dekorative Bedeutung noch stark
hervor; es soll der architektonisch schönen
Wirkung des Kirchengebäudes gedient
werden. Und doch kommt der Unterschied
zwischen bildender Kunst und Dekoration
deutlich in die Erscheinung. Es sind
Tatsachen, künstlerische Erlebnisse darge-
stellt. Der Vorgang wird als ein wirk-
licher erfaßt. Auch Giotto folgt dem
Evangelientext, aber nicht-dozierend, son-
dern mit stark persönlichen Momenten.
Seine künstlerische Phantasie wird von
der Wirklichkeit augeregt. Nicht auf Gold-
grund, sondern im Raum, in einer offe-
nen Halle sitzen die Apostel um den
Tisch herum; ja die Realistik der Nück-
figuren zeigt die Welt, welche den Künst-
ler Giotto von der byzantinischen Kunst
trennt. Die ausdrucksvollen Köpfe sind
gut beobachtet. Es wird zwar nicht die
Ankündigung des Verrats als künstlerischer
Inhalt genommen, oder die Einsetzung
der Kommunion, sondern der Ausdruck
des feierlichen Zusammenseins beabsichtigt.
Thode (Giotto S. 116, Bielefeld-Leipzig
1899) hat in der Betonung der Judas-
schlechtigkeit Giotto entschieden verkannt.
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