Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 35
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fier aufweist als auf der Südseite, er-
zählt von mannigfachem Wandel und
Wechsel der Zeit und weiß uns auch zu
melden, daß alte Heiligenbilder, welche
vor vielen Jahren unter der Tünche ver-
schwanden, in unseren Tagen wieder zum
Vorschein und zu Ehren gekommen sind.
Von diesen Bildern will das „Archiv"
frohe Kunde bringen.

Die Pfarrkirche zum hl. Stephanus
wurde im Jahre 1498 von dem dama-
ligen Bischof Hugo
von Hohenlanden-
bergkonsekriertund
prangte wohl aus
das Fest der Kirch-
weihe im Schmucke
jener großzügigen
Wandgemälde,
welche jüngst zu
einem größeren
Teil von Pfarrer
Nägele in Eutingen
imt> Kunstmaler
Stehle aus Notten-
burg aufgedeckt
wurden und nach
dem Urteil von
Dr. Gradmaiin der
spätgotischen Zeit
angehören. Diesel-
ben bringen den
Erlöser mit den
Aposteln sowie die
Auferstehung und

X Beweinung Christi
zur Darstellung.

Die Bilder machen
einen feierlichen
Eindruck; der Ge-
sichtsausdruck ist
bei dein Salvator
und den Aposteln überaus charakteristisch,
und bei St. Paulus meint man, er schaue
den Beschauer an, ob man ihn nun von
Osten oder Westen her betrachten nrag.
Die Gewandung der Apostel ist malerisch
und erzielt mit verhältnismäßig wenig
Farben eine recht glückliche Wirkung.

/ Ueber jedes Zwölfboten Haupt ist ein
Band angebracht, auf welchem ein Artikel
des Glaubens zu lesen ist, der bei Petrus
beginnt und nicht etwa wie sonst bei Mat-
thias, sondern bei Matthäus seinen ^lb-

Photographie gütigst zur Verfügung gestellt v.A.Schott.

schluß findet. Die Attribute sind die ge-
wöhnlichen, doch hat Petrus nur Eineu
Schlüssel und Paulus nur ein einfaches
Schwert, was früher anders gewesen sein
soll. Bei den Postamenten, auf welchen
die Figuren stehen, wechseln jeweils die
Ornamente, wie das den Forderungen
der Gotik entspricht. Die Anatomie
kommt nicht immer zu ihreni Rechte, läßt
vielmehr öfters sehr zu wünschen übrig;
auch die Stellung der Füße der Apostel
erscheint öfters als
unnatürlich und ge-
zwungen. Doch ge-
hen wir von der
allgemeinen Be-
trachtung zu der
besonderen über.

Da steht links
beim Eingang in
den Chor, auf der
Evangelienseite,
die erhabene Ge-
stalt des Erl ö-
sers, in der Lin-
ken die Weltkugel
fragend, die Rechte
zum Segnen erho-
ben. Das Gewand
ist leicht violett;
die Gesichtszüge
verraten Ernst und
Milde. Ueber dem
Haupte die schöne
Legende: Je3u

Christe exaudi
preces sancto-
rum tuorum ad
te clamantium.

Wenden wir uns
zur Südseite des
Schiffes, so gewah-
ren wir in einer Höhe von etwa 2 V2 Meter
die erste Apostelgruppe, und zwar St. Pe-
trus, St. Jakobus den Jüngeren, St. Mat-
thias und St. Paulus. Petrus hat
ein roles Obergewand, weiß gefüttert,
das Unlergewand ist gelblich; die Gestalt
selbst etwas gedrungen, das Postament
über der Türe mehr nur nngedeutet.
Sein Glaubensartikel: Credo in deum
patrem omnipotentem, factorem
coeli et terrae. Ursprünglich soll dieser
Artikel in deutscher Sprache gegeben

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