Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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in seiner Darstellung auf lzw. 1448 bis
1450, jetzt in der Akademie) neben seiner
„Cena Eucharistica" im Kloster S.
Marco. Mit Giotto verglichen, lebt der
Mönch sich viel mehr in die Wirklichkeit
hinein in der Architektur des Kloster-
raums, den er liebevoll schildert, und
auch sonst. Auch er hat nicht an einen
bestimmten Moment gedacht. Die An-
ordnung ist lebendiger; mancher genre-
hafte Zug schleicht sich ein; die Falten-
gebung ist liebevoll behandelt; dagegen
sind Charakterschilderungen bei ihm kaum
zu erwarten. Seinem künstlerischen Wesen
entsprechend zieht er die freundliche Schön-
heit der Natur wenigstens in dem großen
Gobelinteppich mit Bäumen und Pflanzen
in die Szene herein, die er zugleich als
tektonische Aufgabe erfaßt.

Wie nun anderseits durch das mäch-
tige Emporwachseu des neuen Schönheits-
gedankens in der „wiedergeborenen" Kunst
der Renaissance das ideelle Moment ver-
blassen konnte, zeigt Andrea del Ca-
st agnos Abendmahl int Refektorium von
S. Apollonia in Florenz. Es ist
das monmnental-repräsentative Schema
wie bei Gaddi mit Christus in der Mitte
und dem isolierten Judas. Nunmehr ist
dem Trecenlisten gegenüber jeder Apostel
eine Studie in Bewegung, Ausdruck,
Draperie; alle sind interessartt. Die neu
auftreteriden Profilfiguren gaben der Kom-
position Geschlossenheit; die forrnale Ein-
heit (durch deu Saal) ist gestärkt. Und
doch bedeutet Castaguos Verwirklichung
keine Verinnerlichung. Es ist weit weniger
der Ausdruck des künstlerischen Gedankens,
dagegen ein Beweis künstlerischer Fertig-
keit im Dienste der sich immer nrehr der
Realität znwendenden Interessen der Zeit.

Jnr Quattrocento haben sich die führen-
den Hanptmeister Filippo Lippi, Botti-
celli nicht an dem Stoffe des Abendmahls
beteiligt. Cosinro Rosselli dagegen
vertritt deri ausgesprochenen Geist der
Frührenaissance in seinem Bild für die
sixtinische Kapelle (1480—1483). In
einem mächtigen Refektoriumsbild führt
er die E i u s e tz u u g des Sakra rn e n -
tes vor: Christus hat den Kelch vor sich
und spricht die Einsetzurigsworte. Damit
beginnt eine neue Episode in der Reihe
der Abendnrnhlsdarstellungen. Kraus hat

darauf hingewiesen, daß dieser Bilderkreis
an den Wänden der päpstlichen Palast-
kapelle eine besondere Bedeutung hat;
es soll die dreifache Autorität des Statt-
halters Christi auf Erden, darunter die
in sakramentalen G n a d e n m i t t e l n
und innerer Heiligung gipfelnde Priester-
gewalt dargestellt werden (Geschichte der
christlichen Kunst II 2, S. 346). Also
ist es eher ein profanes Zeitbild, welches
die gebotenen kirchlich-mystische Dar-
stellung mit wahrem künstlerischem Empfin-
den behandelt. Schon Vasari rühmte die
schöne Renaissancearchitektur mit dem feinen
Oninmentenreichtum an Pilastern, Ka-
pitälen inld Gebälk. Zu beachten sind
die überraschenden Porträtgestnlten seiner
Zeitgenossen, die der Maler in demon-
strativer Stellung im Vordergrund zeigt.
Damit ist eine gewisse Profanisierung des
Abendmahlsvorgangs ansgedrückt und eine
Probe für die frisch und freudig reali-
stische Anschauungsweise der damaligen
Welt geliefert.

D o m e n i c o Ghirlandajos Abend-
mahl ist das bedeutendste der Früh-
renaissance, in beiden Darstellungen in
Ognissanti und im S. Marcokloster in
Florenz. Unter einem mächtigen Gewölbe
mit Aussicht auf die freie Natur ist das
Mahl nach alter Anordnung am horizon-
talen Tisch bestellt. Judas sitzt für sich,
Christus denl trauernden Johannes gegen-
über. Eine große Liebe für Einzelheiten
Int sich auch hier kund, aber in breiterer
Beobachtung der Wirklichkeit. Es rst der
stärkere, einheitlichere Beobachter. Eine
feine feierliche Abendstimmung beherrscht
den Vorgang. Für Nebenszenen, wie bei
Rosselli, ist hier kein Platz. Die be-
deutenden, schönen Figuren sind lebens-
fähiger, naturwahrer. Es ist das von
der Gruppierung an denr langgestreckten
Tisch ausgehende repräsentativ monumen-
tale Abendnrahl. In der Dranlatik ist
von Taddeo Gaddi bis Ghirlandajo eine
Bereicherung oder Vertiefung kaum wahr-
zunehnlen, da bei allen der eigentliche
Mahlsvorgang im Grunde festgehalten ist.
Die künstlerische Koniposition fügt sich der
höheren Einheit, in die das Mahl aus-
genommen ist.

Für Leonardo wurde der Abend-
mahlsgedanke Anregung zu seinem grüß-
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