Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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ten Werk, das die höchste Blüte der
italienischen Kunst eröffnet: sein Abend-
mahl in S. Maria delle Grazie in
Mailand gilt geradezu als die Eröff-
liung der italienischen Hochrenaissance.
Wiederum ist es ein Refektorienwandbild
gegenüber der erhöhten Tafel des Priors.
Wir wissen, was Göthe darüber dachte.
Der Vorgang findet in einem flachgedeckten
Saale statt; die weit zurückliegende Wand
ist von drei Fenstern durchbrochen. An
dem horizontalen Tisch sitzt Christus in
der Mitte, von den zwölf Jüngern in je
zwei Gruppen zu beiden Seiten umgeben.
Nicht niehr herrscht die freudige Aus-
machung wie bei Ghirlandajo: es ist das
letzte Abendmahl; Christus hat die
Worte der Verratsankündigung gesprochen.
Nicht niehr eine Reihe nebeneinander
sitzender Männer! Ein Blitzstrahl hat
sie alle aufgeschreckt. Ans der zwölffacheil
Ruhe ist eine zwölffache Bestürzung ge-
worden, in zlvei Richtungen: Entsetzen
und Trauer, Fragen und Zuneigungs-
gebärden. Christus bleibt der unbeweg-
liche, gelasse Pol, der in sich allein seine
Bedeutung enthält; der Beherrscher des
Ganzen — er ist zum erstenmal der
Herr. »A.u milieu de ces hommes
simples il est seul; il regarde en
dedans le monde de sa pensee, qui
leur est fermee« (G. Seailles, Leonard
da Vinci. Paris 1892, p. 17). — Nicht
Judas bildet den Gegeiqatz zum Herrn,
sondern die sämtlichen Apostel in ihrer
menschlicheil Leidenschaft. Damit war die
Notwendigkeit des Opfers seiner persön-
lichen Existenz gegeben, danlit sein Wesen
in deil Aposteln triumphieren konnte.
Judas ist die Verkörperung des Un-
bewußten in den Aposteln, der ain meisteil
an feinen Herrn als Menschen glaubt,
an den König des angekündigten Reiches.
Nach bem freiwilligen Tod des Herrn
verschwindet der unbewußte Geist; der
Selbstmord des Judas bedeutet das Erken-
ilen vom Wesen Christi. Dieses Verhältnis
zwischeil Christus und seinen Jüngern hat
bei Leonardo seinen Ausdruck gefunden.

Seit Göthe ist häufig geling über die
einzelnen Figuren gesprocheil worden.
Sehr ausführlich hat dies E. Frantz (Das
heilige Abendmahl des Leonardo da Vinci)
getan. Wie weit Leonardo alle Vorgänger

überragt, ist schon daraus zil eiitnehmen,
daß er zunl erstenmal malerisch sieht:
die Gestalteil treteil frei ans der Fläche
heraus, die bewegten gegliederten Gruppen
weisen auf den fortgeschritteneil Wirklich-
keitssinn hin. Das Anfgeben der alther-
kömmlichen Stellniig des Johaniies an
der Brust des Herrn uiid der konven-
tionellen Isolierung des Judas bedeutet
ein Entgegenkonlinen gegenüber der Wirk-
lichkeit. Aber Leonardos Abendniahl ist
nicht nur das inhaltreichste und wahr-
haftigste der italienischen Kunst, sondern
es ist vor allem ein tektonisches
Meisterwerk. Christus ist der Brennpunkt
des Ganzen, das einigende Elenient, die
vertikale Achse, in der das Bild sein
Gleichgewicht bekonimt; zugleich ist er die
einzige Facefigur, von der die Differen-
zierung iiach rechts und links ausgeht,
in je zwei Gruppen, die ihrerseits durch
die Beweguiigsrichtnng einheitlich ge-
schlossen werden. Die Bewegung, die mit
der Gebärde des Herrn eilisetzt, erreicht
in den unnlittelbar lieben ihnl sitzenden
Apostelii ihren Höhepniikt, findet voll da
aus verklingend in deil äußersten Gestalten
ihren Wendepunkt und erreicht schließlich
den Ausgangspunkt Christus wieder. Die
Architektur wiederholt in ihrer Symmetrie
das Gleichgewicht zwischen links und rechts.
Der Verschwindungspunkt sänitlicher Linien
von Decke, Wänden und Boden liegt in
dem Kopf Christi: das ist der Gipfel
komposilioneller Volleildung. Leonardo
war wie Michelangelo und Raffael Ar-
chitekt. Die tektonische Schönheit ist aber
zugleich eine Folge der inhaltlichen Auf-
fassung. Was ist hier das Wichtigere,
Inhalt oder Komposition? Beide zu-
sammen bilden die Harnionie.

Damit war der Höhepunkt erreicht.
Die ideale, monumentale Formengebung
und die Versenkung in die Wirklichkeit,
beide Momente hatten ihre denkbar-
größte Vereinigung gewonnen. Von nun
an hatte mail die Wahl zwischen den
zwei Wegen; sie wurden eingeschlagen von
den Spätfloretttinern und Spätvenezianerii.

Wie die toskanische Kunst sich im
Abendnlahl ausgesprochen hat, kann
Andrea del Sarto mit seinem um
1526 entstandeneil Bild im Kloster S.
Salvi in Florenz zeigen. Er hat die
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