Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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gestellt gewesen sei. Wenn mall aber
bedenkt, daß für ein solches Viio nur ein
zehn Zentimeter hoher Raum vorhandell
war, so wird luau die Frage nenteiiten uud
sageil müssen, daß Christus aul Kreuz als
Richter, und zwar hauptsächlich als guä-
diger Richter iu Betracht kam, wie denn
allch die Leidellswerkzeuge, sowie Johan-
lies uud Maria iun Gnade flehen: „O
Maria, verlaß Ulis nicht, weilli dein Sohn
das Urteil spricht." — Die Idee des
Triulilphkreuzes ist vielfach verloren ge-
gangen, lllid so erblickt rnan in vielen
Kirchen nebeil deni Trininphkreuz Maria
und Johannes den Evaligetisten, statt des
Bildes voll Johalines dem Täufer.

Zu den anderell Walidgemäldeu aus
späterer Zeit, welche sich über den alteli
Waudgenläldell hinziehell! Auf der Nord-
seile, Fresken ul secco, hoch oben neben
dem Altar, das Bild des hl. Stephanus
nlit (Steinen auf dem Buch und einem
Stein auf denl Haupte, was ikonogra-
phisch beachtenswert ist. Auch die Ge-
wandung des Erznlärtprers verdient be-
sondere Beachtung. Auf Stephanus folgt
St. Martinus mit einer Art Rembrandts-
hut, auf einem Fuchsen sitzend und seinen
Mantel zerschileidelld für einen Bettler,
welcher einen Stelzfuß hat. Der nächste
Heilige ist St. Georg, auf einem präch-
tigen Schimmel reitend; er hat eben zu
einem wuchtigen Stoß ausgeholt gegen
den Lindwurm, welcher aber durch das
eingebrochelie Fenster zerstört ist nnb fast
nur noch beit Schwanz erkennen läßt.
Die letzte Figur auf dieser Seite ist, ivohl
über lebensgroß, der hl. Kourad mit
Bischofsstab und Kelch. Neben seinem
Bilde sieht mau die Namen Conradus
Göttler uud ein unbedeutendes Wappen
(Meisterschild?). Ohne Zweifel ist dieser
Göttler der Stifter des Conradigemäldes
gewesen.

Pfarrer Nägele von Eutingen weiß zu
berichten, daß man weiter gegen Westen
auch noch auf Spuren von einem Ge-
mälde gestoßen sei, mau habe noch einen
eilenden Engel uud einen Blumenstock
gesehen, was darauf schließen lasse, daß
dort ehedem Maria Verkündigung abge-
bildet gewesen sei.

Wenn dem so ist, dann hätten wir es
hier ähnlich wie iu Keutheim bei Teiuach,

wo auch das Bild Mariä Verkündigung
im Westen — neben den Leidensszenen
Christi angebracht war. Würde man auch
sonst ähnliche Wahrnehmungen machen und
Mariä Verkündigung fiitbeit ohne einen
folgenden Zyklus aus der Jugendgeschichte
Jesu, dann könnte mau der Frage nicht
nusweichen, wie Mariä Verkündigung in
diese Zyklen hineinkomme oder Hineinpasse.
Wir möchten sagen: Handelte es sich um
das Geheimnis der Menschwerdung und
die Apostel, datm würde die Votschafts-
idee zwischen dem Himmelsboten und den
Zwölfboten ganz ungezwungen eine Ver-
bindung Herstellen. Handelte es sich aber
um Mariä Verkündigung und das Leiden
Christi, dann dürste man wohl an einen
Zusammenhang denken mit dem bekannten
Gebet: „Gieße, o Herr, deine Gnade
unseren Herzen ein, damit wir, die wir
durch die Botschaft des Engels die Mensch-
werdung Christi deines Sohnes erkannt
haben, durch sein Leioeu und Kreuz zur
Herrlichkeit der Auferstehung geführt wer-
den". Bisweilen mochte, namentlich dann,
wenn es sich um eine Vorbereitung auf
den Tag der Konsekration handelte,
Maria zuletzt noch als „Goldenes Haus"
gefeiert werden, obwohl dieser Gedanke
hauptsächlich bei Mariä Heimsuchung aus-
gedrückt werden wollte.

In Eutingen wäre das Fremdartige
dadurch noch behoben gewesen, daß aus
der gegenüberliegenden Seite, unten gegen
Westen, die Heiligen drei Könige zu sehen
waren, von welchen jetzt nur noch zwei
vorhanden sind, nämlich der hl. „Bal-
thusnr" und der hl. Casper. Der heilige
Melchior wurde durch die Einlassung
der Emporen zerstört. Der hl. Caspar
trägt auf einem Spruchband die Jahres-
zahl 1625, und dies dürfte das Jahr be-
zeichnen, iu welchem die iu Rede stehenden
Wandgemälde zur Ausführung gekominen
sind. Seltsam, daß man zur Zeit des
Dreißigjährigen Krieges zur Verschönerung
des Gotteshauses noch Maler uud Mittel
fand. Vielleicht haben die Bürger, 'deren
Raulen neben den Figuren genannt sind,
ex voto diese Bilder gestiftet. (In
Condocf-Vollmariugeu ein Opferstock aus
Eichenholz ftvvmcus, franz. 1e trone —
der Opferflockj vom Jahre 1630.)

Neben den zwei heiligeil Königen, in
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