Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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wiederholt. Ist ein direkter Einfluß Leo-
nardos anzunehmen? Wahrscheinlich ist,
daß allgemeine Anregungen in den späte-
ren Blättern der Großen Pajsion wirken.
Aber lieben Leonardo ist Dürers Abend-
mahl so einheitlich und vollständig, daß
an eine geistreiche Uebersetzung nicht ge-
dacht werden kann. Die Kongeuialität und
die Aufgabe jedes der beideu Künstler inner-
halb seiner Kunst erzeugt den Eindruck
iuuerster Verwandtschaft. Die Wege der
italienischen und der nordischen Kunst kreu-
zen sich in ihren Hauptmeistern um 1500.
Leonardo hat die religiösere, Dürer die
geschichtlichere Auffassung.

Das letzte, was Dürer über das Abend-
mahl zu sagen hatte, ist in dem Holz-
schnitt von 1523 gegeben. Darin macht
er sich frei von dem bekannten Grund-
schema der nordischen Kunst: er gruppiert
die Personell au einem länglichen Tisch,
setzt Cbristus in die Mitte. Eine Gruppen-
bildung ist durchgeführt. Nicht recht klar ist,
welche Situation er hier vor Augeil hatte;
von einem Abendmahl kann man kaum
sprechen. Auf dem Tisch befilidet sich nur
lnehr der Abeudnrahlskelch; er steht ab-
seits, voll Christus gar nicht beachtet.
Will hier statt des Abendmahls die Si-
tuation liach deniselbem, die letzten Lehren
des Herrll (Joh. XI V u. f.) dargestellt wer-
den? Trotz lilallcher Vorzüge der größeren
Freiheit der Personen lind einer gehobenen
ilidividuellen Behandlung fehlt dem Bild ein
unmittelbar wirkender, das Ganze um-
fassender inhaltlicher Gedanke unb eine
durchgeführte, kompositionelle Absicht. Die
Abendnlahlsdarstellultg der Großen Passion
bedeutet den Gipfelpunkt für Dürer und
die liordische Kunst. Ihre Künstler, an
die Grelize des vorläufig Möglichen ge-
stellt, wandteu sich alsdann den Italienern,
vor allem Leonardo zu. Dies zeigt der
Dürersche Schnitt von 1523, wo beim
ersten Anblick in der Anordnung und in
bem Bewegungsrhpthmus der Einfluß des
Italieners sich offenbart.

Holbein d. I. ist itit Zyklus mit zwei
Abendmahlsdarstellungen im Museum zu
Basel vertreten. Jnl Schatten Dürers
silid sie nicht von großer Bedeutung, zu-
mal sie zu den Früharbeiteu des Meisters
gehören. Das Galize der einen (1515)
ist ein Vielerlei von bewegten Figuren,

bei denen man an manchen Detail seine
Freude haben kalln. Christus ist nicht
lilehr dominierend. Das Bild bedeutet
nur eine Nebenerscheinung in der nor-
dischen Entwicklung des Abendmahlsgegen-
standes.

Die kurz nachher entstandene Darstel-
lung ist nur insofern wichtig, als sie ein
neues Beispiel liefert für die nicht glück-
liche Einwirkung Leonardos auf die nor-
dische Malerei. Weit entfernt, nach diesen
frühen Versuchen den Künstler Holbein
beurteilen zu wollen, sind sie Beweise,
wie schwierig es der nordischen Kunst war,
aus der eigenen Auffassung des Gegen-
standes heraus zu einer klaren, würdigen
Gestaltung des Abendmahls zu gelangen.
So gibt Martin Schaffner in den:
Hochaltar des Ulm er Münsters ein
Gemisch von Entlehnung bei Leonardo
und eigenen Zutaten; auch der Meister
des Todes Mariä im Louvre sucht
Anregung bei Leonardo. Andere reden
seine Sprache noch deutlicher; freilich mit
kleinbürgerlichem Akzent.

Während in Italien die Malerei in
der großen malerischen Begabung der
Venezianer, bei Tizian, Tintoretto u. a.
ihre weitere Entwicklung fand, wandte
sie sich nach ihrer Blüte im deutschen
16. Jahrhundert den Niederlanden zu.
Dort ist es vor allein die Abendmahls-
darstelluug des Peter Paul Rubens,
die so außerordentlich populär geworden
ist. Sein Abendmahl entstand im Auf-
trag für die Bruderschaft des hl. Sakra-
ments itl der Romboutskirche zu Me-
cheln. Später wurde das Bild nach Paris
entführt und kam dann als Geschenk nach
Mailand, wo es sich heute in der Brera
befindet.

Die Personen sind unr einen kleinen
Tisch gruppiert. Zwischen Judas und
einem jüngeren Apostel bleibt der Blick
frei auf den hinter dem Tisch sitzenden
Christus. Das Beiwerk ist bei der großen
Konzentration auf Weniges beschränkt.
Barockformen sind in Architektnr und
Leuchtern zu erkennen. Hinter einem Vor-
hang fällt das Mondlicht herein. Auf
dem Tisch steht nur der Abendmahlskelch
und eine dritte Kerze. Mit Dürer ver-
glichen, tritt sofort der Eindruck einer
einzigen Bewegung auf, die bei Judas
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