Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 60
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geschichtlicher Forschung aufzubauen. (Vgl.
übrigens das interessante Buch von H. Tietze,
Die Methode der Kunstgeschichte. Leipzig 1913.)
So sehr ich ihm darin recht geben möchte, daß
man das Mittelalter noch immer als den großen
Gedankenstrich ansieht, ben die Geschichte zwischen
Antike und Renaissance gemacht hat, daß man
seine positiven gewaltigen Leistungen übersieht,
während inan in der Renaissance das Erwachen
aus Nacht und Grauen zu paradiesischer Herrlichkeit
erblicken will, wodurch jedem objektiven historischen
wie kunstwissenschaftlichen Verständnis der Boden
entzogen wird; so sehr ich ihm beistimme, wenn
er sagt: „Die weltgeschichtliche Bedeutung des
deutschen Geistes und deutscher Kunst liegt . . .
in der Fortentwicklung und Vollendung der
großen Gedankeir des Mittelalters durch einen
in seinem Wesen sich immer schärfer umreißen-
den nationalen Geist" (S. 2), so sehr muß ich
seiner Behauptung entgegentreten, die in der
deutschen Kunst aus „Einswerden des Einzelnen
mit dem Alleinen", auf Pantheismus abhebt,
„der nicht so sehr das Ideal in einer objektiveren
Einheit verwirklicht, als die alles bestimmende
Idee aus dem Wesen des Individuellen gewinnt".
— „In der Fahnenzeichnung des Urs Graf . . .
ist das Schreiten zum Ausdruck eines starken
Willens geworden, der beide Figuren gleich-
mäßig beherrscht als unsichtbare Macht, sie vor-
wärts treibt, in dem ihrem Zuge folgenden, so
energisch sich biegenden Gedenkstein lebt, am
Boden seine festen Kurven gräbt, die riesenhafte
Fahne wie eine Wolke in der herben Lust des
Morgens erzittern macht und sie hineinzwingt
in diese EU walten, deren wohldiszipliniertes
Leben so eigensinnig und unerschütterlich an
unserem Auge vorüberzieht wie der eherne Gang
des Schicksals selbst. Man sieht das Gesetz in
der Geschichte, hört nichts von den Geschichten
der handelnden Persönlichkeiten, denkt nicht an
ihr Tun, als vielmehr an die Macht des über-
persönlichen Willens, das Geschick in der Ge-
schichte . . . !" — und so weiter mit Grazie! —
Das sind denn doch ziemlich phantasievolle Aus-
führungen und Hineingeheimnissungen, die weder
in der gleichzeitigen maßgebenden Literatur des
Mittelalters, noch in den Briefen der Künstler,
so weit wir solche besitzen, einen sicheren Boden
haben. Von unnachahmlich konzentrierter Falsch-
heit ist der Satz (S. 30): „In der Gotteslehre
der christlichen Kirche war die Frage nach
dem Verhältnis von Gottheit und Welt zugleich
identisch mit deni Gegensatz von Natur und
Geist, von sinnlichem Trug und geistiger Wahr-
heit." Doch genug davon! Ich glaube, man
kann nur warnen davor, die Kunstgeschichte aus
die Gleise eines solch bodenlosen Spekulierens
hinüberzuschieben. An scharfsinnigen Beobach-
tungen und geistreichen Bemerkungen im ein-
zelnen sind freilich diese Ausführungen nicht
arm. Das muß ehrlicherweise betont werden.
Als Ganzes genommen kann ich diese Methode
nicht billigen. So dürfte beispielsweise diese
Methode zu einer Auffassung von Dürers soge-
nannter Melancholie geführt haben, die kaum
dem Sachverhalt entspricht, wie ihn Endrcs

u. E. viel zuverlässiger eruiert hat. — Wirklich
lehrreich und im höchsten Maße anregend wird
der Verfasser da, wo er nun auf die Einzel-
probleme eingeht und auf Dinge aufmerksam
macht, die man in anderen Kunstgeschichten ent-
weder gar nicht findet oder kaum ungenügend
angedeutet. In diesen Partien ruht auch die
eigentliche Bedeutung dieses so glänzend aus- -
gestatteten Werkes. Ich glaube, es kommt dem
ganzen Werke zugute, daß die übrigen Mit-
arbeiter, von denen mir bis jetzt der Beitrag von ^
O. Wulff über die altchristliche und byzantinische'
Kunst vorliegt, wieder in etwas nüchternere
Bahnen eingelenkt haben. Ganz großartig und
in jeder Hinsicht lobenswert ist das herrliche
Jllustrationsmaterial, das dem weitansschauen-
den, groß angelegten Werke beigegeben ist.
Nicht nur sind sie höchst instruktiv ausaewählt
unter bewußter Ablehnung alter Ladenhüter,
sondern auch in der Reproduktion so tadellos,
daß ich nicht wüßte, was daran besser zu wünschen
wäre. Dazu kommt, daß das Bildermaterial
sehr reich bemessen ist und sehr geschickt so ge-
wühlt, daß Vergleichungen ermöglicht sind.

Die Darstellung der altchristlichen und byzan-
tinischen Kuitst von O. Wulff ist eine höchst zeit-
gemäße Zusammenfassung der zahlreichen Resultate
reger Forschertätigkeit, die auf diesem Gebiete
seit den letzten 50 Jahren geleistet wurde. Nicht
nur ist in der Betrachtung der altchristlichen
Kuitst au die Stelle der älteren Methode eine
stilgeschichtliche, ikonographische und quellen-
kritische Methode getreten, sondern das Material
selbst hat sich seit den gewaltigeit Entdeckungen
im Osten in ganz ungeahnter Weise erweitert.
Der Verfasser legt es besoitders darauf ab, die
Entwicklungszusammenhänge aufzudecken. Ich
muß zwar gestehen, daß seine Wertung des
Christentums und seiner Eigeitart (S. 2) durch-
aus unzureichend ist.

Wulff nimmt mit vollem Recht allen Bedacht
auf die durch Strzygowski hauptsächlich in Gang
gebrachte und seither in vielen Einzelunler-
suchuitgen gestützte Theorie von dem primären
Einfluß des Orients auf die christliche Kunst-
entwicklung; besonders wichtig sind dafür die zu-
sammenfassenden Ausführungen S. 14 ff.

Ich kann das Werk von Wulff nicht warm
genug empfehlen, zumal da es sich nicht in
phantasievollen Abstraktionen ergeht, sondern auf
dem Boden der historischen, kontrollierbaren
Wirklichkeit steht.

Im übrigen sind noch vorgesehen:

Die Kunst des Altertums von Prof. Or. Eur-
t iu s - Erlangen, Die Kunst des Islam von
Privatdozent vr. H e r zf e ld - Berlin, Die Malerei
und Plastik des Mittelalters von Prof. Dr. Gras
Vitzthum von Eckst äd t-Kiel, Die deutsche
Plastik vom ausgehenden Miitelalter bis zum
Ende der Renaissance von Prof. Or. Pinder-
Darmstadt, Die Architektur der Renaissance von
Prof. Or. W il l ich - München.

Möge diesem großen Werke der ihm ge-
bührende Erfolg beschieden sein. Auf den Fort-
gang warten wir mit größter Spannung.

Tübingen. Pros. Or. L. B a u r.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Bolksblatt".
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