Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 61
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Kriedhofanlage und ^riedhofkunst.

Von Prof. Or. Ludwig Baur, Tübingen.

(Fortsetzung)

Es ist klar, daß dieser Vorschlag nur
in Dörfern mit kleiner stationärer Be-
völkerungszahl durchzuführen ist. In
Städten oder Dörfern, deren Bevölkerungs-
ziffer durch die Industrie rasch emporschnellt,
läßt sich diese ideale Verbindung von
Kirche und Kirchhof nicht durchführen.—
Andererseits sprechen heute, wo fast über-
all Wasserleitungen gebaut sind, jene
sanitären Gründe, die die Trennung
motivieren mußten, nicht mehr mit. Auch
E. Högg spricht sich hierüber in dem-
selben Sinne aus: „Ursprünglich war
die Kirche der Mittelpunkt des Kirch-
hofes. Sie ivar die Hüterin der Gräber
und verlieh auch künstlerisch bem ganzen
Bild seinen architeklonischen Halt. —
Aber nur in den kleinen Verhältnissen des
Dorfes sind solche geradezu ideale
Anordnungen heute noch möglich.
Wo sie sich in ihrer einzigartigen,
rührenden Schönheit noch erhalten
haben, da möge man sie hegen und pflegen
als Kunst- und Kulturdenkmäler von un-
ersetzlichem Wert. . . . Kirche und Fried-
hof bilden in solchen Fällen Ein Ganzes,
und wer duldet, daß der umschließende
Friedhof zerstört werde, zerstört damit
auch die darein gebettete Kirche" x).

Dazu kam ein drittes wesentliches
Moment: die schlichten einfachen Deuk-
niale aus Holz oder Eisen oder bescheidene
Steindenkmäler in Form von einfachen

*) Högg, Friedhofkunst in „Kunst und
Kirche' . Leipzig 1914 (Teubner). S. 99.

Platten. Dort ein Kreuz neu errichtet,
dort eines halb umgesuiiken, dort eines
geborsten. Holunder, Rosen, Trauer-
weiden und Zypressen oder Reihen von
Lindenbäumen zierten den Platz der Toten.

In dieser Anlage waren außer den
religiösen und rein ästhetischen auch all-
gemeine poetische Stimmnngswerte ent-
halten. Mielke schildert sie nicht übel
so *): „Inmitten der hölzernen oder eisernen
Grabmäler steht die meistens uralte Dorf-
kirche, ein stummer Zeuge, der manches
gesehen, vieles erlebt hat, der zugeschaut
hat, wie sie Geschlecht auf Geschlecht in
die Erde senkten, manchmal im patriarcha-
lischen Alter, häufig aber auch in der
Jugend blühendem Mai, wenn Krank-
heiten, Krieg und andere Drangsale das
Dorf heimsuchten. Die Dorskirche hat
sie alle kommen sehen .... sie hat sie
auch auf ihrem letzten Gang beschattet.
Dorfkirche und Friedhof geh ören
eng zusammen; will man die Poesie
des alten Friedhofs schildern, muß man
die Kirche in den Rahnien mit einbe-
ziehen, und soll man die Gestaltung einer
neuen Anlage auf dem Dorf ins Auge
fassen, so muß man auf diesen wirkungs-
vollen Teil eines alten Ganzen von vorn-
herein verzichten. Das heißt nun nichts
weniger, als daß die Kunst auf dem Fried-
hof mit neuen Gestaltungen rechnen muß,
für die in Vergangenheit nicht immer Be-
ziehungen vorhanden sind."

Der alte Bund zwischen Kirche und
Kirchhof ist vielfach auch auf dem Dorfe
gelöst, zum Teil gewaltsaur gelöst worden.

X

l; a. a. O. S. 57.
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