Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 62
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Eine württemb. Verordnung v. 1.1808 ver-
bietet die Neuanlage von Friedhöfen inner-
halb der Gemeinden. Anderswo, wie z. B.
in stark anwachsenden Gemeinden oder Städ-
ten bat der Platzinangel von selbst dazu ge-
drängt, die Kirchhöfe aufs offene Feld
hinaus zu verlegen. Damit ist ihre archi-
tektonische Verbindung gelöst und nene
Probleme sind entstanden, die lange nicht
erkannt, jedenfalls nicht gelöst wurden,
deren bedeutungsvollstes das war, den
Friedhof in Beziehung zu feiner Umgebung,
im weiteren Sinn zur Landschaft zu setzen
mtb ihn als ein harmonisch sich einfngendes
Glied derselben erscheinen zu lassen. Dieses
Probleul „Friedhof und Land-
schaft" ist bisher allzu häufig gar nicht
oder zu wenig beachtet worden. Weder
hat man sich bei Anlage die Frage ge-
stellt, ob eine bestimmte Stelle der Land-
schaft vermöge ihres Stinnnungscharakters
geeignet sei für Anlage eines Gottesackers,
noch die andere: ob und wie man einen
Friedhof in die Landschaft hineinkompo-
nieren und mit ihr zu einer einheitlichen
Wirkung zusammenstinunen könne. — Von
da aus gesehen ist das Problenr der Fried-
hofknnst nicht mehr bloß eine Frage der
Denkmalknnst, der Plastik, der Steinmetz-
arbeit, sondern in ganz hervorragendem
Maße auch eine Frage der Laudschafts-
ästhelik und der Gartenarchitektur geworden
und hat eingehende Erwägungen über die
Bepflanzung des Gottesackers als
Ganzen, und der Gräber im besonderen
hervorgerufen. — Das war nun freilich nicht
der einzige Fehler, der in der Neuzeit ge-
macht wurde, daß inan diese Zusammen-
hänge übersah, sondern der Fehler wnrde
noch verstärkt durch das Verbot, in unseren
Gottesäckern Bäume zu pflanzen, wodurch
eine befriedigende Lösung des Problems von
vornherein ausgeschlossen war, uub durch
andere Fehler, die teils die Anlage, Um-
friedung, Belegung, Denkmäler unserer
Friedhöfe betreffen. Die reihenweise, ab-
lolut gleichförmige Belegung unserer Gottes-
äcker, unter völliger Ignorierung des Ge-
ländes, ganz in der Linie, unter stärkster
Ausnützung des Platzes, hat ihnen den
Stempel unbeschreiblicher Langeweile auf-
gedrückt, die noch verstärkt wird durch den
Mangel au gärtnerischen Anlagen größeren
Stils, vor allem an Bäumen. Die Formen >

der Grabdenkmäler wirken schlecht durch
ihre aufdringlichen Materialien, die zu-
dem noch uwist eine ebenso einfältige als
häßliche und geschmacklose Protzerei zur
Schau tragen, sie beeinträchtigen einander,
und wenn noch ein gutes da ist, so schlagen
es die andern tot. Mit alleul Recht klagt
Grässel: „Nicht wie Stätten der Ruhe
und des Friedells, sondern wie Steinmetz-
lager sehen die üieisten modernen städtischen
Friedhöfe aus. Nicht, was die Tiefe des
Gemütes der Hinterbliebenen, sondern was
die Gedankenarulut hervorbringt, wird uns
in diesem Wirrwarr von unkünstlerischen
Dutzenodenkmälern und Einfriedungen in
Deutlichkeit vor Augen geführt. Nicht
die schönen Formen und die sinnige In-
schrift, sondern das prunkende, glänzende,
sich Hervordrängeude Material ist vielfach
die Hauptsache. Wir sehen die glastig
polierten, die grell weißen und grell
schwarzen Grabdenkmäler, diese schlecht ge-
formten Obelisken und Kreuzesformen, die
abgebrochenen Säuleti, die nach oben
weisenden Dutzeudengel oder schreibenden
Fraueugestalten, die zahllosen eisenstarren
Einfriedungen! Und wo ein einzelner Grab-
besitzer ein schönes Denkmal entstehen ließ,
da machte die Rücksichtslosigkeit der Nach-
barn die schöne Absicht zunichte. Be-
sonders bedauerlich ist, daß diese geschmack-
losen städtischen Grabsteine auch auf das
Land hinaus sich verbreitet haben, wo
noch mancher reizetlde Friedhof aus besseren
kulturellen Tagen mit guten heimischen
Grabformen sich erhalten hat" ').

II. B e s s e r u u g s v o r s ch l ä g e.

1. Vorerinnerung. — An Besse-
ruugsvorschlägen, die dazu angetan sein
sollen, die Gestaltung unserer Gottes-
äcker in mehr befriedigender Weise zu er-
zielen, fehlt es nicht. Aber ehe wir an
dieselben im einzelnen herantreten, dürfte
es nicht überflüssig sein, an die allge-
meinsten und wichtigsten Grundregeln zu
erinnern, die beachtet sein wollen, wenn
die Frievhoskuust nicht auf Abwege und
tote Geleise geraten soll. Vor allem ist
bei allen Besserungsvorschlägen der Cha-
rakter des Friedhofs und sein Zweck

0 H. Grässel, Ueber Friedhofanlagen und
Grabdenkmale (60. Flugschr. d. Dürerbunds).
München 1013.
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