Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 63
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bestimmt und klar ins Auge zu fassen
und treu zu wahren. Besseruugsvorschläge,
die bem Charakter und Zweck des Gottes-
ackers zuwiderlaufen, oder ihn auch nur
verwischen, sind als verfehlt abzulehneu.
Was seinen Zweck in der äußeren Er-
scheinung verleugnet, kann auch nicht im
wahren Sinn schön sein. In allererster
Linie ist der r e l i gi ö s - kn l l i s ch e C h a -
rakter des Friedhofs hervorzuheben.
Zwar sind unsere Gottesäcker zumeist nicht
mehr Eigentum der Kirche bezw. Kirchen-
gemeuide, sondern der Kommune. Aber
auch die Kommune hat die Religions-
Übung in allen ihren Formen ans Grund
staatlicher Grundgesetze zu achten und zu
schützen; sie darf sie nicht illusorisch oder
unmöglich machen. Für den Katbolikeu ist
der Gottesacker Campus sanctus. Er ist
durch eine mit der Kirchweihe in ihren
liturgischen Ursprüngen und ihrem Gehalte
nach eng verknüpfte Weihe als Gesaml-
ott aus dem Profanen herausgehobeu und
zu einer geheiligten, geweihten Stätte, ztr
einem locus sacer geworden. — Alles,
was dieser Weihe, diesem religiös-lttnr-
gischen.Charakter des Gottesackers wider-
spricht, ist abzuweisen. — Für uns ist der
Kirchhof eine Stätte lilurgtscher Verrich-
tungen, ähnlich wie die Kirche, eine Stätte
des Gebetes. Er ist eine Stätte, wo der
Tod seine Lehrkanzel und seine .Lehrbe-
rechtiguug hat für die Predigt der er-
schütternden Wahrheiten vom Tod, von
der Auferstehttug, vom Gericht, vonr
ewigen Leben und den letzten Dingen.
Ewigkeitsgedanken erwachen hier und ver-
binden Diesseits und Jenseits miteinander.

Friedhospflege und Friedhoskunst haben
ihre solideste positive Grundlage, ihre
Legitimation, ihre wirksamsten Motive,
aber auch ihre Direktiven in den Glaubens-
lehren von der Comiminio sanctorum,
der Gemeinschaft der leidenden, streitenden
und triumphierenden Kirche, in den Glau-
benswahrheiten über Lebeil und Tod, Auf-
erstehlnig, Gericht, Fegfeuer und ewigen
Vergeltung — in der Uebung des Für-
bitlgebets und heiligen Opfers für die Ver-
storbenen, in der Zuwendung der Sakra-
mentalien unserer Kirche.

Dieser religiöse Gedanke und Grund-
charakter des Gottesackers muß rein und
unverfälscht zum Ausdruck kommen. Er

darf nicht durch naturalistische Tendenzen
vermischt oder in seiner Kraft beeinträchtigt
werden. Eine Friedhofkunst, die nur ans
Naturschwärmerei aufgebaut wäre, die uur
ans Herstellung lauschiger Plätzchen abhebt
und aus dem Gottesacker die Aufstellung
vou Brutkästchen und Gott weiß was
anderem verlangt, eine Friedhofkunst, die
sich feige und weichlich um die ernste Todes-
predigt des Gottesackers herumdrücken will,
eine Friedhoskunst, die aus dem „Ruheplatz
der Toten" eineu Ruheplatz für die Leben-
den, für Dienstmädchen und Soldaten, für
erholungsbedürftige Großstädter macht,
fälscht den Charakter und Zweck des
Gottesackers.

Mit volleni Recht sagt Behtmann:
„Aus dem Friedhof soll sich die Idee des
Todes verkörpern und dessen, was er ans
dem Menschen macht, und wie die von
diesem Schicksal Ergriffenen zu ihm stehen.
— Dieses Bild des Todes, das durch
die Iah,Hunderte hindurch wechselt, ist
aber nur die Kehrseite von dem Bilde des
Lebens. So wie die Menschen vom Leben
urteilen, so auch vom Tode." ... Er
kennzeichnet die Situation, die durch die
moderne Friedhosbeiveguug geschaffen ist,
nicht unrichtig dahin: „Die Frage, vor
welche die Friedhoskunst von heute sich
gestellt, ist die: soll jener h u in a n i st i s ch c,
ivesentlich in der französischen Kunst ije*
hegte Zug zur Herrschaft kommen, oder
ist die christliche Weltanschauung
auch heute noch stark genug, um das ewig
Bedeutende und Berechtigte der antiken
Lebensanschanung in sich aufzunehmen,
verklärend nmznbilden, uns mit den eigenen
Gedanken, die ihr Erbe bilden, zu ver-
mählen und so eine wahrhaft lebendige
Friedhoskunst aus sich heraus zu schaffen?"

Reben beut religiös-kultischen Charakter
des Friedhofs, wie er ihn besonders tm
Totenkult der katholischen Kirche besitzt,
kommt ihm' auch der Charakler weihe-
voller Stimmung zu unter bem all-
gemeinen menschlichen Gesichtspunkt der
pietätvollen Erinnerung an die Dahinge-
schiedenen, der Liebe, Dankbarkeit intb
Verehrung. Diese Gefühle unterdrückt die
religiöse Auffassung des Friedhofs nicht,
sondern adelt sre, weiht sie, gibt ihnen
wirksaine Mittel der Betätigung an die
Hand. Rur für sich allein müßte diese
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