Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 66
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Auf bent Papiercheu steht geschrieben:
„vom hl. f Christi".

In den anderen Höhlungen liegen:

1. Ein Stück von einem Agnus Dei
in einenFPapierzettel mit der Aufschrift
„lmrocerttii Mart“.

2. Eine Reliquie in ein Stückchen
rotseidenes Tuch eingebunden; durch die
Biudschuur ist ein kleines Pergament-
stückchen gezogen mit der uralten gotischen
Minuskel-Aufschrift: Zteplrarii prottro-
mart. (sic!j Dies scheint mir wohl
der wertvollste Inhalt des Kreuzes zu sein.

3. Ein Papter-
chen mit Reliquie
und der Aufschrift:

S. Digna M.

4. EmZettelcheu
mit Reliquie und
der Aufschrift: 5.

Justus M.

5. In einem Pa-
pierzettel findet sich
ein kleines Holz-
kienzchen; auf dem
Zettel liest man:

„von Rovoiet der
hl. Johann von gott
geweiht".

6. Eine Reliquie
in Papier gewickelt
mit der Aufschrift:

„von got geweicht
zu haußleiteu".

7. In ein Zettel-
chen eiugehüllt ist
eine Zahnkrone, auf
welche ein Papier-
streiseu geklebt ist
mit dem Aufdruck: S.FortunatusMartyr.

8. Ein Papierstreifen, auf welchen das
Johannesevangelium und die sieben letzten
Worte Jesu in deutscher Sprache gedruckt
sind. Das Papier ist oben gesieaelt.
Das Siegel aber zeigt das Zeichen IFl3.

Dieses kostbare Reliquienkreuz scheint
dahier im letzten Jahrhundert eine Zeit-
lang verwendet worden zu fein als
Segenskreuz bei den Bittgängen und der
Deschprozession anstatt des ebenfalls noch
aus Klosterzeiteu vorhandenen sehr schönen
Kreuzpartikels. Aber es ist doch kaum
glaublich, daß dieses Kreuz von Anfang
an nur diesem Zwecke diente, oder

überhaupt zu demselben bestimmt war.
Wenn dasselbe in den alten Jnventaren
der hiesigen Stadtpfarrei als Pektorale
bezeichnet ist, so dürfte in dieser Be-
zeichnung ein Hinweis auf seinen ehe-
maligen Zweck enthalten sein. Wir werden
wohl in dem Kreuz das Brustkrenz
der Aebtissiuneu des ehemals dahier
bestaudeuen Frauenklosters zu sehen haben.

Als im Jahre 1803 dieses Frauen-
kloster aufgehoben worden und dasselbe
von der Krone Bayern später an Würt-
temberg gekommen war, durften die säku-
larisierten Kloster-
frauen noch einige
Zeit im , hiesigen
Kloster leben und
kehrten, auch nach-
dem ihre Versetzung
nach Dellmeustngeu
und Möolingen be-
werkstelligt war,
wieder hieherzurück,
wo sie unter der
Pliorin Ursula
Schad, zum Teil
bei ihren hiesigen
Verwandten, zum
Teil in den Häusern
hiesiger Bürger ein-
gemietet, bis zu
ihrem Tode ver-
blieben. Die Aeb-
tissin oder später
die Priorin wird
als Zeichen ihrer
Würoe dieses Kreuz
stets noch getragen
haben, und die sä-
kularisierende Negierung wird in dem
kupfernen vergoldeten Kreuze keinen
der Einziehung besonders werten Gegen-
stand gesehen haben. Von der Priorin
Ursula Schad oder von den sie übet-
lebenden Schweltetu dürfte dann das
Kreuz an das hiesige Pfarraint übergeben
worden sein.

Das Alter des Kreuzes reicht, wie aus
der gegebenen Beschreibung ersichtlich ist,
' hinauf bis in die spätgottsche Zeit. Es
ist höchst wahrscheinlich, daß die Zahl
1540 auf dein Silberplättchen der Vorder-
seite die Zeit der Entstehuug des Kreuzes
oder seiner Verwendung im Kloster be-

Pektorale von Söflingen.
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