Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 68
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Man hat sich mit den ungebrochenen,
lichten Farben und dem breiten, flächen-
haften Auftrag zunächst abgefunden und
dann befreundet, hat insbesondere durch
Einsichtnahme in die Skizzen, Entwürfe,
Zeichnungen vor der Natur vou Turners
Hand Interesse dafür gewonnen, wie die
Tinge draußen um ihrer selber willen
Beachtung verdienen, und mit welch
überraschender Sicherheit und welch
verblüffender Einfachheit der Mittel
Turner alles wiedergegeben. Seine
Werke, soweit sie in der Tate-Galerie
vertreten sind, füllen einen ganzen Flügel
mit neun Räumen. Wer die Zeit hat
und die Mühe nicht scheut, deren Inhalt
Numnier für Numnier zu studieren, sich
also vom Meister sozusagen in seine
Werkstatt einführen zu lassen, dem wird
das ein fortgesetzter Genuß, insbesondere
wird er mit ganz anderem Verständnis
von den vielen Einzelstudien zn den großen
Werken zurückkehren und staunen über
die glückliche Verbindung der Trene im
Kleinen und des genialen Zuges ins
Große. Heute denkt England jedenfalls
anders über Turner, als zu seinen Leb-
zeiten, und weiß, was es in seinen Ge-
mälden, Studien und Radierungen, dem
hochherzigen Vermächtnis des Künstlers
an beit Staat, für einen Schatz besitzt.
Dernselben war allerdings ein Cicerone
erstanden, der seinesgleichen so leicht nicht
wieder findet und auch der noch zu be-
sprechenden Künstlergrnppe der Prüra-
saeliten bedeutsame Heioldsdienste ge-
leistet hat: John Ruskin.

Was Winckelmann für den Klassizismus,
das bedeutet Ruskin für den Prärafaelis-
nnls. Von der Natur verschwenderisch
ausgestaltet, pekuniär den Sorgen und
der Brotarbeit enthoben, heranwachsend
in einer Zeit nationalen Aufschwungs,
daß es eine Lust war, zu leben, in dem
Lebenswerk Turners vor eine Art vou
Kunstübung gestellt, die nur noch des
Interpreten harrte, um ihrer Zeit und
ihrem Volke zu beweisen, daß sie „die
Kunst" sei, die dem Zeitgeiste entsprach;
durch den Auftrag der Ordnung des
Turnerschen Nachlasses mit seinen 19 000
Nunmiern in die angenehme Lage versetzt,
Pflicht und Neigung miteinander zu ver-
binden, technisch so weit gebildet, daß er

Meisterwerke der Kunst nicht selbständig
schaffen, aber peinlich getreu kopieren
konnte, also befähigt, ein über das bloße
Wiedergeben hinausgreifendes schöpfe-
risches Arbeiten desto höher zu werten,
begabt mit einem scharfen Verstände, um
den Gesetzen echter Kunst nachzuspüren,
aber auch mit einer ans Demagogische
grenzenden Begeisterung und Rede-
gewandtheit, um für seine Ideen zu werben,
und nicht minder mit einenl entsprechen-
den Maß von Phantasie, um sich und
andern über Lücken und Klippen in seinen
Beweisgängen hinüberzuhelfen, durch-
drungen vom Bewußtsein einer gottge-
wollten Mission, die Ideale der Kunst in
zünftigen Kreisen zur Anerkennung zu
bringeu uud vor allein die Volksseele
zum Kunstverständnis zu erziehen und so
mitzuarbeiten, nicht nur um ein schönes,
sondern um ein gutes und freies Ge-
schlecht heranzuziehen, der geschworene
Feind aller Massenarbeit im klassischen
Land der Maschinen, der beredte und
opferwillige Apostel zur Förderung der
Handarbeit, resolut genug, um seine aus
dem Lande gedruckten und fertiggestellten
Bücher per Wagen in die Stadt schaffen
zu lassen, auf daß er ja der verhaßten
Dampfmaschine keinen Tribut zahle, nicht
zurückschreckend vor einer langen Reise
nach Deutschland, der Schweiz und Italien
lediglich mit der Absicht, Turners Land-
schaften und Skizzen mit Sicherheit identi-
fizieren zu können — das ist Ruskin,
seine Persönlichkeit und sein Werk. Wenn
England in den Bestrebungen für Popu-
larisierung der Kunst lange Zeit das

Monopol hatte und heute noch an erster
Stelle steht, so zehrt es von Ruskins
Erbe. Zu besonderem Dank aber ver-

pflichtete er sich die Prärafaeliten.

Es stand mißlich lim ihre Sache, als
Ruskin sie unter seine Fittiche nahm.
Ein hohes Ideal hatte sie zusammenge-
führl, den nüchternen, soliden Madox

Brown und den sein italienisches Tem-
perament nicht verleugnenden Dante
Gabriel Rossetti, den um seinen
Beruf ringenden und darbenden Hol-

man Hunt und das Sonnen- und
Wunderkind John Millais. Sie
bilden den festen Kern der Verbrüderung,
der sich noch einige andere, auch Bild-
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