Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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der Klosteruntertanen auf den Bauplatz
geführt. Einiges Material, namentlich
Holz, wurde von den außerhalb des
Klosterherrschaftsgebieles befindlichen Be-
wohnern von Muttensweiler, Winterftetten,
Jngoldingen, Grot, Unter- und Ober-
essendorf und Mariazell (jetzt Eberhard-
zell genannt) gebracht. In vielen Hun-
derten von Fuhren beförderte man Ban-
und Bruchsteine, besonders auch ans dem
Steiubruch von Ließen bei Sanlgau, auf
die Baustelle.

Bereits im folgenden Jahr (1728)
wurde Dominikus Ziminermann förmlich
als Baumeister angenommen. Diesem
Baudirektor wurden für jedes Baujahr
250 Gulden und nach Beendigung der
Neubautätigkeit 50 Gulden Trinkgelo
versprochen, dem Palier täglich 1 Gulden.
Ueber das Bauwesen schloß man keinen

Kircki? von Steinhaufen (Inneres)
saus Kick und Pfeifer, mit gütiger Erlaubnis des Verlags)

Gesamtakkord ab, vielmehr wurde alles
im Taglohn aearbeitet.

Am 29. März 1728 verbrachte man
das Steinhäuser Gnadenbild ans der
alten Wallfahrtskirche nach Schnsfenried,
wo es während der ganzen Bauzeit und
noch ein paar Jahre länger auf dem St.
Vinzenzaltare ruhte. Gleich nach dieser
Translation wurden die Paramente nlid
die sonstigen kirchlichen Gebranchsgegen-
stände aus der bisherigen Kirche entfernt;
nachher wurde das Gestühl, die Altäre,
das Getäfer und die Orgel beseitigt; zu-
letzt aber legte man die Kirche selbst, den
Turnt und die Friedhofmauer nieder.
Dieses letztere Geschäft war ungemein be-
schwerlich und erforderte viele Mühe, so-
gar die Anwendung von Sprengpulver.

Sofort nach der Niederlegung des ur-
sprünglichen Kirchengebäudes begann mau

mit dem Graben der Fundamente des
neuen Wallsahrtsgotteshanses; nachher
legte Abt Didakus den Grundstein. Als
Platz, ans welchen der Neubau zu stehen
kam, benützte man wenigstens teilweise den
Standort des abgebrochenen Wallfahrts-
heiligtums. Weil aber der Neubau
die frühere Kirche au Größe bedeutend
überragen sollte, mußte man auch noch
die Hälfte eines Gartens, welchen der
nächstgelegene Bauer Hummler zu Lehen
hatte, überbauen. Ein Teil des Terrains,
auf dem die neue Kirche steht, war früher
als Begräbnisplatz in Benützung gewesen.

Mit den Grundmauern ging man 7 Fuß
in die Tiefe, das Gemäuer erhielt eine
Stärke von 6 Schuh. Die Bautätigkeit
war so emsig, daß den 18. August 1728
das Gemäuer schon 23 Fuß über den
Boden einporragte. Am 21. Oktober
(St. Ursulafest) stell-
ten die Maurer- und
Zimmerleute ihre Ar-
beit am Kirchenban
für das Jahr 1728
ein. Obwohl es sonst
Brauch war, denMau-
rern, Steinmetzen und
HaudlangernvomTag
des hl. Gallus an
weniger Lohn zu ver-
abreichen als zur
Sommerszeit, hat
der Prälat dieses-
mal doch keine Lohurednktion eintreten
lassen, weil die Arbeiter zwei Tage lang
zu Ehren Mariä ganz umsonst tätig gewesen
waren. Im folgenden Jahr wurde den

4. Mai mit dem Anfführen des Gemäuers
fortgefahren. Während sämtlicher Bau-
jahre wurde angestrengt gearbeitet, so daß
der gewaltige Neubau immer höher und
höher stieg, in verhältnismäßig kurzer
Zeit unter Dach kam und zur Vollendung
gelangte. Bereits den 24. November 1731
(es war ein Samstag, also ein Wall-
sahrtstag) hatte der Abt Didakus die hohe
Freude, nach herkömmlichem Ritus das
prächtige Marienwallfahrtsheiligtum beue-
diziereu zu können. Von diesem Zeit-
punkt an wurde in den: nenerstellteu
Tempel regelmäßiges Gottesdienst abge-
halten. Es waren somit kaunl vier Bau-
jahre erforderlich, um das „weitschichtige",
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