Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

Seite: 83
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für Städte Leichenhallen und Leichen-
kammern, Remisen gebaut werden niüssen,
Raum für Veerdignngsrequisiten und
Gärtnermerkzeug ist vorzusehen. All diese
Bauten, so nnbedetttend sie sein mögen,
gestatten eine durchaus künstlerische und
mit dem Gesaiutfriedhof harmonisch
zusammenwirkende Gestaltung, wenn sie
der rechte Manu in die Hand bekommt.

7. D ie Gräb e r auf d e m G ottes-
acker. — Nun kommen wir zu einem
für die ästhetische Gestaltung unserer
Friedhöfe sehr wichtigen Element: put
Grab und seiner Behandlung. Man wird
nicht leugnen können, daß gerade auch die
Behandlung des Grabes mitschuldig ist
an dent unbesriedigendeu Zustand unserer
Gottesäcker, den man heute so vielfach
beklagt. Eine Besserung wird also vor
allen: auch hier ihren Anfang nehmen
müssen. — Nun mag aber gleich voraus-
geschickt sein, daß man sich dabei vor
allem, was die Belegung der Gräber-
felder angeht, wird hüten müssen vor dem
Fehler, nun kritiklos uitb in unverstän-
diger Nachahmungssncht die Grundsätze,
die bei den großen Park- und Wald-
friedhösen für die Belegung ntaßgebend
geworden sind, aus unsere kleineren Stadt-
uud Dorffriedhöfe zu übertragen. Dafür
ist auf letzteren schon der nötige Platz
nicht vorhanden. Die Scheidung der
Gräber der Erwachsenen und der Kinder-
gräber wird wohl allgemein beizubehalteu
sein, und es ist mir auch uichi bekannt
geworden, daß an dieser Trennung —
abgesehen vom Familiengrabes— gerüttelt
worden wäre.

(Fortsetzung folgt.)

Die angeblich älteste deutsche
Glockeninschrift.

Von Lic. E. Stolz, Ergenzingen.

Der Ruhm, die älteste oder wenigstens
eine der ältesten deutschen Glockeuinschrifteu
zu besitzen, wird vielfach der Pfarrkirche
von Er sin gen, OA. Ebingen, zuge-
schrieben. So ist bei H. Otte und E.
Wernicke, Handbuch der kirchlichen Kunst-
archäologie I5 (1885), 445 von „der so-
weit bekannt ältesten deutschen Glocken-
inschrist zu Ersiugeu in Württemberg" die
Neve; mau vgl. dazu H. Ölte, Glocken-

kunde 2 1884, 119, St. Veissel in den
Stiulmen aus Maria-Laach, Erg. 66
(1896), 135 , K. Th. Zingeler in der
Beilage zur Allgem. Zeitung 1905, Nr.
308, E. Michael, Geschichte des deutschen
Volkes V (1911), 256 und K. Walter,
Glockenkunde 1913, 204. Alle genannten
Autoren gehen dabei von der Voraus-
setzung ans, daß die gemeinte Glocke aus
dem Jahre 1306 stantme, während Bischof
P. W. v. Keppler, Württembergs kirchl.
Kunstaltertümer 1888, 75 dafür das Jahr
1406 angibt. In Wirklichkeit stammte
aber die Glocke, wie das Korrespondenz-
blatt des Vereins für Kunst und Alter-
tunt in Ulm und Oberschwaben 1877,
50 und die neue Oberamtsbeschreibung
von Ehingen II (1893), 101 dartuu, erst
aus dent Jahre 1 5 06 und wies näher-
hin diese Inschrift ans: o maria gotes
c eile hab in huot was ich über
schelle anno dominiMCCCCCVI.
Die Glocke ist jetzt nicht mehr vorhanden,
da sie nach freundlicher Mitteilung des Herrn
Ortspfarrers Luppold l911 anläßlich der
Anschaffung eines neuen Kirchengeläutes
von dem Lieferanten Heinrich Knrtz tit
Stuttgart in Kauf genomnten und zunt Guß
der neuen Glocken verwendet wurde. Dar-
nach ist die alte Ersinger Glocke um genau
200 Jahre später anzusetzen, und wird es
ohne weiteres unwahrscheinlich, daß ihre
Inschrift die älteste Glockeninschrift in
deutscher Sprache darstellt bezm. darge-
stellt hat.

Welcher Glocke sicher dieser Vorzug
zukontmt, die älteste Inschrift in deutscher
Sprache zu besitzen, läßt sich nicht so leicht
feststellen. Die ältesten Glocken sind be-
kanntlich zumeist nicht datiert, und darunt
kann ihr genaues Alter nur schwer oder
gar nicht mehr bestimmt tverden. Eines
der Hauptmerkmale zur Bestimmung sol-
cher Glocken bildet die verwendete Schrift-
art. Darnach darf als sicher angenontnteit
werden, daß alle Glocken mit gotischer
Majuskelschrift die Ersinger Glocke au
Alter weit übertreffen; doch sind bei diesen
Glocken deutsche Inschriften noch selten.
Beispiele siebe bei Otte - Wernicke, Kuust-
archäologie I, 445 und Walter 170 ff.
Unter den datierten Glocken gibt es eben-
falls mehrere Beispiele mit deutschen Jn-
I schriften, die nicht bloß dem wahren Datnnt
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