Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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der Ersinger Glocke (1506), sondern anch
dem Jahre 1306 vorausliegen. Freilich,
das Alter der ersten in Betracht kommenden
Glocke ist nicht genügend sichergesteUt.

Nach H. Böckeler, Beiträge zur Glocken-
kunde 1882, 75 A. 1 wird vielfach eine
Glocke in Herkenrat, Kr. Mülheim am
Rhein, vonl Jahre 1109 als die erste
datierte Glocke mit deutscher Inschrift
bezeichnet; hier liegt aber, wie schon
Böckeler vermutet hat, ein Irrtum bezüg-
lich der Jahreszahl vor, insofern damit
die von Walter S. 294, vergl. 887 an-
geführte St. Annaglocke dieses Orts ge-
rneint ist, die aus dern Jahr 1509 stammt
und die Inschrift trägt:
anna heis ich — in ere gotz lueden ich
quoids (Weller) verdrieven ich —
Tönis tzo Cölln guess mich.

Nach Walter S. 168 kommt der
1893 umgegossenen Glocke vorr Wilthen
in Sachsen die älteste datierte deutsche
Inschrift zu mit dem Wortlaut: HILF.
GOT .MARIA .BEROT. VAS. ICH.
PEGIN. DAS( }ES. EIN.GUT. ENT( >
GEVJNT. IM CCXII. AR. Bon der
Inschrift ist der drittletzte Buchstabe I wohl
zu dem sonst verstürnnrelten letzten Wort
zu ziehen, so daß die Glocke eher dem Jahr
1211 als 1212 (wie Waller will) an-
gehören dürfte. Und da sonst der Vers:
Hill Got, Maria devot erst auf Glocken
des 14. Jahrhunderts sicher bezeugt ist,
wie denn anch Walter selbst S. 224 als
nächstes datiertes Beispiel für die ein-
fache Anrufung Hilf Got erst die Glocke
von Bernshansen in Hannover v. I. 1399
anführt, muß auch so noch das Alter der
Wilthener Glocke Bedenken erregen und
darum zweifelhaft bleiben. Das nächste
Beispiel bildet die zweitgrößte Glocke von
Mainz, die 1298 gegossen wurde und 1767
beim Dombrand unterging (S. 202 f.). Sie
wies folgende Inschrift mit gemischtem
Texte auf:

Anno Uni MCCXCVIIi. virgula per
[— vigilia oder vincula petri?]

Ossana heisin ich alle meinzer
glockin uberdon ich.
Fulmen quando sono pluvias cum
grandine pello.

Amon [Anton?] Albrech mache

mich.

Darauf folgt die Glocke von Allenz,
Kreis Mayen v. I. 1299 mit der In-
schrift: o sant anna hilf vns selfs
dritt — m. henrich van proem gavs
mich (S. 203). Vom Jahr 1300 ab
werden dann die Beispiele von Glocken
mit deutschen Inschriften immer häufiger.
Speziell unter den Glocken Württembergs
besitzt nach der Zusammenstellung von
Bischof Keppler (S. 178, val. EXXI1I)
jene von Büchenbach, OA. Künzelsau, v. I.
1377 die älteste datierte deutsche Inschrift
mit der Bitte: hilf uns maria aus aller
nod. So kann die Inschrift der alten
Ersinger Glocke keineswegs als die „älleste
deutsche Glockeninschrift" gelten; anderseits
ist nach dem Ausgeführten auch die Be-
! merkung von G. Schönermark in der Zeit-
schrift für Bauwesen 39 (1889), 186,
daß sich erst auf Glocken des 14. Jahr-
hunderts deutsche Legenden finden, nicht
ganz richtigZ.

Kommt der Ersinger Glocke auch kein
ausnehnlend hohes Alter zu, so gehört
doch ihr Glockengebet zu jenen In-
schriften, die ans schwäbischen Glocken nicht
bloß häufiger, sondern auch verhältnis-
nläßig früh verwendet werden. Als erstes
Beispiel hiefür ließ sich die größere Glocke
von Habstal, OA. Sigmaringen, ausfindig
machen mit der Legende: Maria Gotes
Celle Hab In Deiner Hut Was Ich
Ueber Scheie. Die dabei gebrauchte
gotische Majuskelschrifk verweist die Glocke
höchst wahrscheinlich in die Zeit vor 1360,
vgl. Zingeler-Laur, Die Bau- und Knnst-
denkmale in den Hohenzollernschen Landen
1896, 211. Zahlreicher werden die Bei-
spiele im 15. Jahrhundert, wobei jedoch
der Vers immer noch keine feststehende
Form aufweist. Hier kommt zuerst die
Glocke von Zillhausen, OA. Balingen,
v. I. 1418 in Betracht mit der Inschrift:
maria gotes mad hab in huot was
leb iber erden (Keppler 15), alsdann
die größte Glocke von St. Moritz in
Rottenbnrg-Ehingen v. I. 1419 mit der
Version: o maria gottes zell behüt

*) Die älteste datierte Glocke des Abendlandes
dürfte jene sein, die vor einigen Jahren im alten
Ragusa in Dalmatien aus.'.egrabeu wurde, mit dem
Bilde des Täufers Johannes geschmückt ist und die
Jahreszahl 1081 aufmeift. Abbildung in Sterne
und Blumen (Karlsruhe, Badenia) 1912, Nr. 23
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