Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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zu ziehen. Die genannten lieber fetter haben
sich an der langen Silbe in pia gestoßen.
Aber die mittelalterlichen Dichter haben
sich diese Lizenz vielfach gestattet, eine
grammatisch kurze Silbe in der Cäsur,
zumal an der Neimstelle, als lang zu
gebrauchen. Man vergleiche z. B. die
verwandte Glockeninschrift von Biedenkopf
an der Lahn, 13. Jh.: Nos et nostra
pia guberna virgo Maria, bei Walter
202, A. 2. So dürfte der Vers eher zu
übersetzen sein: Schallt mein Geläut, v so
hilf dem Volk in Gnaden, Maria!

Die dritte Glocke von Merazhofen, OA.
Lentkirch (l509), enthält zum Ersinger
Glockengebet noch den Zusatz: und wann
hic sterbe, das mir gottes Huld nicht
veile (Keppler 199). Da legt es sich
nahe, an die Strophe zu denken, die
dem Verfasser des Spruches vorgeschwebt
haben nrag:

Maria mater gratiae, —- Mater miseri-

cordiae,

Tu nos ab hoste protege — Et hora
mortis suscipe!

„Maria, Mutter voll der Gnadtz — die
stets Erbarmen mit uns hat,
Bewahr uns vor der Hölle Schlund, —
Nimm auf uns in der Todesstund!"

Auch diese (lateinische) Strophe wurde
vielfach zu Glockeninschriften verwendet.
Als älteste Beispiele hiefür sind die Glocken
von Stamm heim bei Mühlheim n. Nh.
1453 und von Weißkirchen a. D. 1455
bekannt; von schwäbischen Glocken tragen
jene zu Snlmingen, OA. Laupheim, 1513
und Weingarten 1519 diese Inschrift. Tie
Strophe selbst dürfte viel älter sein. Sie
findet sich bereits in denr sog. Sterbe-
büchlein des hl. Anselnr von Canterbury
(gest. 1109) bei Migne, Patrol. Lat. 158,
685 f. und weist denselben Nhythmns und
Renn auf, wie die echten Lieder des hl.
Erzbischofs (vgl. Analecta hymnica 48,
94 ff., bes. Str. 20 und 33 der oratio
ad B. M. V.). Als passendes Stoßgebet
hat die Strophe auch in die Sterbegebete
des Rituale Romanum (Mechliner Ansg.
1848, 158) Ausnahme gefunden. Unter
anderen: soll der fronime Kurfürst Maxi-
milian 1. von Bagern (gest. 1651) ans den:
Sterbebett mit einem Marienbild in der
Hand diese Worte gebetet haben.

Das Ersinger Glockengebet erfährt durch
ein erst jüngst veröffentlichtes Protokoll
(Extrakt) über die im Jahre 1699 im
Ulmer Land vorgenommene Kirchenvisi-
tation mit dem daraufhin erlassenen Rats-
bescheid (vgl. Württembergische Viertel-
jahrshefte für Landesgeschichte Nr. 23
[1914], 141 ff.) noch eine ganz inter-
essante Beleuchtung. Danach besaß auch
die Kirche von G ö t t i n g e n, OA. Ulm, eine
Marienglocke mit der genaueren Umschrift:
anno doinini MCCCCLXXXXV S.
Maria, Gottes Celle, hab’ in huet,
was ich überschelle, die damals die
große Wetterglocke hieß und als solche
sehr hochgeschätzt war. Der Visitations-
bericht weiß darüber zu melden: „Alls
diese Glocke halten die benachbarten Pa-
pisten im Kloster Elchingen sehr viel und
sagen: so weit man diese Glocke höre, so
weit schlage das Wetter nicht. — Der
Meßner muß läuten, so lang das Wetter
da steht und sollte es eine Stunde und
länger währen, dabei er sich beschwert,
es sei bei seinen Göttinger Leuten ein
purer Aberglaube, ltub nicht bloß ein
Zeichen, daß. sie dabei beten sollten,,
(S. 148). Der ans diesen Bericht er-
lassene Ratsbescheid ging dann dahin:
„Weil nicht nur die Gemeinde §11 Göt-
tingen, sondern auch die katholische Nach-
darschaft den groben Aberglauben hegt,
solang die daselbst sich befindliche, mit
einem katholischen ans die Jungfrau Maria
lautenden Reim bezeichnete Glocke geläutet
werde, daß kein Wetter, bei denen, die
es hören, Schaden an den Früchten tun
könne, soll der Nein: weggefeilt werden."
Ob dieser Bescheid ansgeführt wurde,
wird nicht mitgeteilt. Aber das geht ans
diesem Bericht deutlich hervor, daß der
Marianische Glockenvers im Schwäbischen
als wirksames Schntzgebet gegen Unwetter
angesehen und darum aus Wette: glocken
angebracht wurde. So erklärt sich der
häufige Gebrauch desselben zur Genüge.

Ikonographisches.

Von Dekan Reiter.

Die Ikonographie weiß uns über die
bildliche Darstellung von Mariä Verkün-
digung ziemlich viel zu berichten, unter
anderenr meldet sie uns auch, daß der
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