Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 32.1914

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Engel bisweilen ein versiegeltes Buch in
seinen Händen trage. Statt des versiegel-
ten Buches trägt derselbe ans einem der
Kapitelle des Domes zu Magdeburg den
gesiegelten hinrmlischen Brief.

Es soll diese sinnliche Auffassung uralt
sein und sich da und dort finden.

Der Brief des Engels ist ein Brief des
Heiles. Ein Brief des Verderbens wird

— wohl mit Anspielung ans Col. 2, 14 —
in einer aus dem 14. Jahrhundert stammen-
den Litanei von Cividale genannt. Dort
beißt es: Maria, die du den Brief unseres
Verderbens zerstörst, bitte für uns!

Das Epitaph des Donrherrn Wichard
v. Bredow im Dome zu Magdeburg, ans
dem Jahre 160!, zeigt den Erlösungs-
oder Lebensbrunnen. Auch dieses Motiv

— orientalischer Abkunft? — kann eilt
hohes Alter aufweisen. Wir finden das-
selbe beispielsweise in dem Perikopenbuch
von Godeskalk um 782, in einer Miniatur
des Evangelienbnches von Soissons 827,
und in einem, angeblich von Karl dein
Kahlen stammenden Evangeliar des Mar-
schalls von Noailles.

Maria wird oft als versiegelte Quelle,
oder als Brunnen des Lebens, oder als
Brunnen lebendiger Wasser bezeichnet
(Litanei vom Jahre 1575). Deswegen
sieht man auch auf Marienbildern bis-
weilen verschiedene Brunnen abgebildet,
wobei dann die verschiedenen Ideen teil-
weise ineinander fließen.

Wir wissen nicht, wie alt die Zusammen-
stellung der sogenannten vier letzten Dinge
ist, und in welches Alter ihre bildliche
Darstellung hinaufreicht. Es scheint, daß
dieselben im 17. oder 18. Jahrhundert
den Gläubigen öfters in Bildern vor
Angen gestellt worden sind. So gewahren
wir in der Gottesackerkapelle zu Vierlingen,
Oberamts Horb, vier unbedeutende Oel-
gemälde, welche die vier letzten Dinge in
folgender Weise verbildlichen:

An den Tod erinnert ein sitzendes
Skelett, welches in der rechten Hand einen
Pfeil, in der linken eine Sense und aus
dem Kopse eine Laterne trägt. Ans der
Gerichtstafel bricht Jesus den Stab;
unten ein Mensch im Feuer. Beim
dritten Ding oben Gott Vater, unten eine
Figur (Maria?) mit Krone und langem

Haar, rechts und links je ein Engelskopf.
Die Höllendarstellung zeigt eineu ange-
schmiedeteu Menschen im Feuer; eine
Schlange beißt ihm in die Brust. Rechts
und links von ihm erblickt man eine Tier-
figur, welche wohl je als Symbol eines
Lasters angesprochen werden muß.

Literatur.

Kunst und Kirche. Vorträge aus dem
im Mai 19t3 zu Dresden abgehalteneu
Kursus für kirchliche Kunst und Denk-
malpflege, herallsgegeben vom evangelisch-
lutherischen Laudeskousistorium. Mit 61 Ab-
bildlingen auf 32 Tafeln. Leipzig lind
Berlin (Teubner) 1914. V u. 110 S.
Preis 4 M.

Dem in Düsseldorf auf Veranlassung des
verstorbenen Kardinals Fischer für katholische
Geistliche abgehaltenen Kursus für kirchliche Kunst
uild Denkmalpflege folgte ein vom sächsi-
schen Kousistorinm für die protestailtischen Kreise
veranstalteter Kursus entsprechend einer den deut-
schen Kirchenregierungen von der Eisenacher Kon-
ferenz gegebenen Anregung. An demselben be-
teiligten sich als Vortragende Prof. Gurlitt,
Schmidt (Freiberg), Bestelmeyer (Dresden),
Bruck (Dresden) und Högg (Dresden). Die
Themata, welche dabei zum Vortrag kameit,
lauteten: Kunst und Kirche (Gurlitt), Der säch-
sische Kirchenbau bis auf Georg Buhr lSchmidt),
baukünstlerische Aufgalmn der evangelischen Kirche
in der Gegenwart ^Bestelmeyer), kirchliche Denk-
malpflege (Gurlitt', die Souderausstellung kirch-
licher Kleinkunst (Berling), Friedhofkunst (Högg).
Zti den bedeutenderen Vorträgen gehören Ar. 1,
3 und 6.

Eine Einheitlichkeit der Auffassung ist nicht
vorharrden, denn zwischen dem, was Professor
Gurlitt ausführte, und dem, rvas Bestelmeyer
sagte, besteht in mehr als einer Hinsicht eine
offenkundige Differenz, sei es hinsichtlich der Be-
wertung der Zweckmäßigkeit in ihrem Verhältrris
zur Schönheit, sei es der Bedeutung der Zweck-
beziehung ,,ad maiorem Dei gloriam“ für
Würde und Schönheit des Gotteshauses, sei es
hinsichtlich der Beivertung der traditionellen Bau-
weise für die heutige Zeit. — Leider herrscht
nicht selten die Phrase vor. So müssen wir in
der kunsthistorischen Betrachtuitg von Schmidt
leider wieder einmal — zum so und so vielten-
mal! — die ganz unhaltbare Gegenüberstellung:
romanisch-germanisch, gotisch-französisch, oder noch
etivas muitdvoller: — „welsche transzendentale
Scholastik (!)" Isen. Von Bestelmeyer, in dessen
Vortrag sonst sehr viel Sympathisches (z. B.
S. 50). und Nichtiges zu finden ist, sieht S. 34 35
eine wirklich schreckliche Kunstgeschichtsphilosophie,
in der auch nicht ein Satz ohne Widerspruch
bleiben könnte. Auch in dem ersten Referat von
Gur litt gäbe es neben mancher guten Be-
merkung auch Mehreres zu beaustanden, wovon
man sich nur wundern muß, daß es ein Alaun
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